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Welternährung und Ökolandbau

27. Mai 2013

In Berlin wurde am Mittwoch, den 15.Mai 2013 beim Rentenbank-Symposium „Sicherung der Welternährung bei knappen Ressourcen“ die Studie „Ökologische Landwirtschaft als ein Baustein zur Sicherung der Welternährung? – Eine kritische Bestandsaufnahme und ökonometrische Analyse“ vorgestellt. Die Studie steht in einer Reihe anderer Studien, die sich mit den Auswirkungen von Europäischer Landwirtschaft und europäischem Konsum auf die Welternährungs-Situation, die von der landwirtschaftlichen Rentenbank im Jahr 2012 gezielt gefördert wurden. Die Prognosen zum weltweiten Bevölkerungswachstum und zu veränderten Konsummustern in Schwellenländern legen nahe, dass auch die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln gesteigert werden muss. So geht der Bericht „How to feed the world 2050“ der Food and Agricultural Organization der UN (FAO) von einer Steigerung der Lebensmittelproduktion bis 2050 um 70% aus. Die Anzahl in extremer Armut lebender Menschen liegt laut FAO schon heute bei 1,4 Mrd., die Anzahl der chronisch unterernährten Menschen beziffert die FAO auf ca. 870 Mio., d.h. etwa jeder achte Mensch weltweit. Andererseits gibt es weltweit dramatische Umweltprobleme wie Verschmutzung von Wasser, Erosion und Verlust von landwirtschaftlich nutzbaren Böden oder Verlust von Biodiversität. Gesucht wird daher eine Landbau-Methode, die einerseits Erträge sicherstellt und den Landwirten in Entwicklungsländern eine Marktperspektive bietet und andererseits auch den Herausforderungen im Bereich Umwelt begegnet. Eine Landbau-Methode muss gleichzeitig auch von Kleinbauern ohne Bildungshintergrund adaptiert werden können, da der größte Anteil von Landwirten in kleinen Substanz- oder Teilsubsistenz-Betrieben wirtschaftet. Die Frage, ob der Ökolandbau eine solche Methode ist, wird jedoch sehr kontrovers diskutiert, da es v.a. in der Politik wenig Einigkeit über die Wirkungen dieses Systems gibt.

Bauernmarkt in Südniedersachsen

Bauernmarkt in Südniedersachsen

Die Studie unternimmt im ersten Teil eine Literatursichtung zu Ertragsvergleichen von ökologischen und konventionellen Systemen. Es zeigt sich, dass die Literatur zu Ertragsvergleichen kein ganz eindeutiges Bild ergibt. So sorgte eine Studie von Badgley et al. (2007) für Aufruhr, da die Autoren mit Hilfe einer Meta-Analyse zeigen, dass Erträge in Entwicklungsländern von ökologischen Anbausystemen höher sind als in konventionellen Systemen. Allerdings stellt sich die Frage, ob „konventionell“ hier im Sinne einer Landwirtschaft basierend auf chemischen Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln definiert ist, oder einfach nur bedeutet, dass keine besonderen Betriebsmittel eingesetzt werden. Die Studie wurde in der Folge von dem Autoren-Team de Ponti et al. (2012) für die Auswahl der Studien kritisiert. Die Studie von de Ponti et al. zeigt, dass der Ökolandbau im Durchschnitt niedrigere Erträge erzielt, zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch Seufert et al. (2012). Insofern kann die Frage nicht als vollständig beantwortet gelten, ein methodisches Problem einer solchen Meta-Analyse besteht zweifellos in der Auswahl der Einzelvergleiche, die für die Analyse herangezogen werden. Es erscheint daneben interessant, die Wirkung des Ökolandbaus im Hinblick auf eine möglicherweise erhöhte Wassereffizienz zu untersuchen. Diese Frage wäre v.a. von den Pflanzenbauwissenschaften und den Bodenwissenschaften zu beantworten.

Für die vorliegende Studie liegt der Fokus auf der Frage, welche Einflussfaktoren die Ausbreitung des Ökolandbaus beeinflussen. Basierend auf den Daten von FiBL und IFOAM (World of Organic Agriculture 2013, sowie vorherige Bände) wird untersucht, was die Ausbreitung des Ökolandbaus auf nationaler Ebene beeinflusst. Gewählt wird ein ökonometrisches Modell mit einer Optimierung mit Hilfe der Kleinsquadratmethode (OLS).

Die Modellierung zeigt, dass es deutliche Unterschiede zw. Industrie- und Entwicklungsländern bei der Verbreitung und Wirkung des Ökolandbaus gibt. Insgesamt ist der Ökolandbau sehr stark durch die Märkte in der EU und den USA getrieben. Die EU und die USA haben weltweit einen Marktanteil von 96% am Weltmarkt, während jedoch 80% der ökologischen Landwirte in Entwicklungsländern wirtschaften. Ein großer Teil der weltweiten Ökoproduktion wird somit gehandelt. Der Ökolandbau bereitet sich in Staaten mit einer besonders guten Handelsinfrastruktur aus. Dies zeigt die enge Marktanbindung des ökologischen Anbaus, was aus entwicklungspolitischer Perspektive ein großer Vorteil sein kann. Die Modell-Indikatoren deuten auch darauf hin, dass der Ökolandbau sich in politisch stabilen Staaten besser entwickelt.

Daneben nimmt der Ökofläche in Industrieländern mit einer hohen Intensität der konventionellen Landwirtschaft ab, was die Erkenntnisse anderer Studien bestätigt und mit den Opportunitätskosten der Umstellung begründet werden kann. Der Ökolandbau sich in Staaten mit einem hohen Anteil von Entwicklungshilfe in der Landwirtschaft ausbreitet. Dies zeigt, dass der Ökolandbau auch als Methode zur Entwicklungshilfe genutzt wird.

Schließlich zeigt die Studie, dass es keinen statistischen Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Ökofläche und der Produktivitätswachstum der landwirtschaftlichen Sektoren weltweit gibt. Der Vorwurf, dass Ökolandbau schädlich für die Welternährung und die Produktivität der Landwirtschaft ist, kann somit nicht belegt werden. Schließlich beeinflussen die gesetzlichen Regulierungen die Ausbreitung des Ökolandbaus in Entwicklungsländern deutlich positiv. D.h. wenn es einen gesetzlichen Standard zum System Ökolandbau sowie gesetzlich geregelte Kontrollen gibt, so wächst der Ökolandbau.

Es gibt weiterhin viele offene Frage, die den Beitrag des Ökolandbaus zur Welternährung betreffen:

1.) Ertrag: Es erscheint zunächst plausibel anzunehmen, dass auf Ökobetrieben etwas niedrigere Erträge erzielt werden als auf konventionellen Betrieben, die chemische Düngemittel einsetzen. Allerdings zeigt die Studie von Bagdley et al, (2007), dass dies im Einzelfall auch anders sein kann. Ein Grund könnte darin liegen, dass „konventionell“ in manchen Entwicklungsländern und Regionen bedeutet, dass überhaupt keine Betriebsmitteln eingekauft werden. In so einem Fall kann der Ökolandbau definitiv eine Chance und eine Verbesserung gegenüber einem Low-Input-Systems sein. Daneben erscheint es sinnvoll, die mögliche Wassereffizienz des Ökolandbaus zu untersuchen. Gerade diese Frage kann jedoch kompetent von Experten der Pflanzenbauwissenschaften beantwortet werden.

2.) Ökologische Wirkung: Auf die weltweiten Umweltprobleme wurde hingewiesen. Für eine volkswirtschaftliche Bilanz ist es wichtig, den Umweltnutzen des Ökolandbau mit einzubeziehen bzw. die Umweltschäden der konventionellen Landwirtschaft „in Rechnung“ zu stellen, erst dann wäre ein volkswirtschaftlicher Vergleich von Systemen angemessen.

3.) Adaptionsfähigkeit eines Systems: Wenn möglichst viele Landwirtinnen und Landwirte in Entwicklungsländern von entwicklungspolitischen Maßnahmen profitieren sollen, so müssen Beratung und Entwicklungshilfeprojekte so gestaltet sein, dass Landwirtinnen/Landwirte diese Anbausysteme anwenden können. Der Ökolandbau dürfte diesbezüglich anspruchsvoll sein, da man sich mit Dingen wie Fruchtfolge, Nützlingen oder Kompost beschäftigen muss. Andererseits sind dies Inputs, die hauptsächlich Wissen erfordern und nicht den Einkauf von Betriebsmitteln. Dies kann ein Vorteil sein. Es besteht insgesamt ein großer Konsens darüber, dass Bildung für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern die effektivste Maßnahmen gegen Hunger sein können.

4.) Die Rolle der Märkte: Die Studie zeigt, dass der Ökolandbau eine gute Marktanbindung hat. Dies kann für Betriebe in Entwicklungsländern eine Chance sein. Es birgt jedoch gleichzeitig Risiken, da „exportierende“ Betriebe vom Weltmarktgeschehen abhängig sind. Viele Entwicklungsökonomen weisen darauf hin, dass Märkte zunächst als Chance zu betrachten sind. Insofern könnte auch dies ein Vorteil des Ökolandbaus sein. Es erscheint dabei jedoch wichtig, auch auf eine Entwicklung lokaler und nationaler Märkte hinzuwirken, da dies einem Betrieb verschiedene Absatzmärkte ermöglicht. Im Moment wird das Geschehen stark von den Industrieländern dominiert, allerdings gibt es immer wieder einzelne gelungene Beispiele, für lokale Ökovermarktung.

An der Studie arbeiteten B. Heinrich, N. Würriehausen, K. Hernández Villafuerte, S. Lakner und S. von Cramon-Taubadel mit.

Literatur:

Badgley, C., J. Moghtader, E. Quintero, E. Zakem, M.J. Chappell, K. Avilés-Vázquez, A. Samulon & I. Perfecto (2007): Organic agriculture and the global food supply, Renewable Agriculture and Food Systems, Band 22, Nr. 2; S. 86–108

De Ponti, T., B. Rijk, & M.K. van Ittersum (2012): The crop yield gap between organic and conventional agriculture, Agricultural Systems, Band 108, S. 1-9

Food and Agricultural Organization (FAO) (2009): How to feed the world in 2050, Report, Food and Agricultural Organization (FAO), Rom, Italien