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Suhrkamp lebt, zumindest sprachlich!

30. Dezember 2012

Man mag Frau Unseld-Berkéwicz, Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlages und Witwe und Nachfolgerin des 2002 verstobenen Siegfried Unseld, dieses und jenes vorwerfen (unter anderem unrechtmäßige Geschäftsführung oder ökonomisches Versagen, immerhin wurden in den letzten 10 Jahren so gut wie keine Gewinne gemacht), aber eines steht fest: Die Autoren sind auf Ihrer Seite (Siehe Interview mit Rainald Goetz aus der Süddeutschen). Auch Hans-Markus Enzensberger legte sich Mitte Dezember in der ZEIT ins Zeug für die Geschäftsführerin. Die Wut der Autoren auf den Gegner von Unseld-Berkéwitz, den Mitbesitzer und Investor, Hans Barlach, gipfelt der Anteilseigner-Beschimpfung von Peter Handke: „Herr Barlach ist ein abgrundböser Unhold„. Ein sehr schönes Bonmot, zumindest sprachlich lebt der Verlag

Suhrkamp, das Fenster zur Welt

Suhrkamp, das Fenster zur Welt

Das Kapital des Verlags, der 1950 von Peter Suhrkamp gegründet wurde und der die neuen Klassiker Hermann Hesse, Bertold Brecht und Max Frisch verlegt, sind seit den 1950er Jahren die Autoren, die in den Anfangsjahren zu einem großen Teil der Gruppe 47 angehörten. Siegfried Unseld war bereits seit Mitte der 1950er Jahre für den Verlag als Gesellschafter tätig und war bekannt für sein Gespür für Talente, gerade in der Literatur-Szene der 50er und 60er Jahre. Autoren wie Uwe Johnson, Martin Walser, Peter Handke, Wolfgang Koeppen, Hans-Magnus Enzensberger wurden von Suhrkamp verlegt (und gefördert), jedoch auch Ost-Autoren wie Jurek Becker, Ulrich Plensdorf, Volker Braun, Hans Meyer oder nach 1990 Christoph Hein und Heiner Müller gingen zu Suhrkamp (diese Aufzählung prominenter Autoren ist mit Sicherheit unvollständig, auf die Auflistung internationaler Autoren wird verzichtet). In den 80er Jahren kamen Schriftsteller wie Rainald Goetz und Ralf Rothmann dazu. Allerdings stagnierte der Verlag in den 1990er Jahren. Nach dem Tod von Siegfried Unseld 2002 gab es einige Querelen, aktuelle Bestseller-Autoren wie Katharina Hacker („Die Habenichtse“) und Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) haben den Verlag verlassen. Auch Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki, sowie Lektor Günter Berg, heute bei Hofmann und Campe erfolgreich, verließen den Verlag, die Witwe und Erbin von Siegfried Unseld, Ulla Unseld-Berkéwicz wurde Geschäftsführerin, setzt neue Akzente und betrieb in den letzten Jahren die Umsiedelung von Frankfurt nach Berlin. Allerdings war die neue Geschäftsführung offenbar nicht willens, sich mit den 40% Miteigentümern abzustimmen (siehe ZEIT-Artikel aus 2006 Wolle mer se reinlasse).

Der Streit, der vor dem Berliner Gericht verhandelt wurde, drehte sich um die Anmietung von Unseld-Berkéwicz‘ privater Villa in Berlin für Veranstaltungen des Verlages. Diese Anmietung hätte von der Geschäftsführung mit den anderen Anteilseignern abgestimmt werden müssen, so die Meinung des Gerichtes, das mit seinem Urteil Anfang Dezember Hans Barlach Schadensersatz zusprach und Abberufung von Unseld-Berkéwicz von der Geschäftsleitung juristisch bestätigte. Gegen das Urteil wird zur Zeit Berufung eingelegt.

In den letzten Jahren gab es (trotz aller Querelen) immer wieder Lebenszeichen des Verlags, z.B. Uwe Tellkamps „der Turm“. Es gibt weiterhin jedes Jahr einige interessante Bücher (Wolfgang Welt, Ralf Rothmann, Stephan Thome etc…), allerdings haben andere Wettbewerber aufgeschlossen. Ob es heute ökonomisch ausreicht, mit einigen wenigen Bestsellern und vielen erlesenen Klassikern interessante, aber auch schräge Autoren zu verlegen (und unterstützen…), wird sich zeigen. Man kann nur hoffen, dass sich die (vom Gericht vorläufig abberufenen) Geschäftsführung mit Hans Barlach einigt, ansonsten wäre der Verlag paralysiert. Es  wäre schade um einen der innovativsten Verlage der alten Bundesrepublik.

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