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Buchbesprechung: Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“

6. September 2015

In dem Roman „Im Frühling sterben“ beschreibt Ralf Rothmann das Schicksal seines Vaters, der 1945 zunächst in einer Versorgungseinheit der Waffen-SS die letzten Kriegswochen erlebte, dann als Melker in Schleswig-Holstein und später als Bergmann im Ruhrgebiet arbeitet. Rothmann ist mit diesem Roman gelungen, einen neuen Blick auf die Generation der Flakhelfer zu werfen und Rothmann setzt seinem Vater ein Denkmal.

Es geht es um das Schicksal des 17-jährigen Melkers Walter Urban, der Rothmanns Vater nachempfunden ist. Walter wird zusammen mit seinem besten Freund Fiete Caroli im Februar 1945 von der Waffen-SS (Division Frundsberg) bei einem Dorffest des Reichsnährstandes zwangsrekrutierten und erlebt hinter der Front die letzten Wochen des 2. Weltkriegs. Es ist bereits zu Beginn der Handlung klar, dass NS-Deutschland kurz vor der Niederlage steht und die Kampfhandlungen bald beendet sein werden.

Ralf Rothmann "Im Frühling sterben"

Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

Hier könnte man zunächst denken, Rothmann hätte sich nun der Form des historischen Romans zugewandt. Der Roman würde demnach gleich zwei wichtige Genres in der Literatur berühren, nämlich das Genre des Soldatenromans im 2. Weltkrieg und das Genre der Trümmerliteratur. Man könnte an Günther Grass’ „Blechtrommel“ (1959) oder das späte „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) denken, gerade zu letzterem bestehen einige Parallelen. Der Klassiker wäre Wolfgang Borcherts „Draussen vor der Tür“ (1946), auch Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ (1971), Siegfried Lenz „Exerzierplatz“ (1985), Günther de Bruyns „Zwischenbilanz“ (1992) oder Martin Walsers „Ein springender Brunnen“ (1998) wären typische Beispiele für dieses Genre, um nur einige zu nennen.

Walter hat zunächst Glück und muss als LKW-Fahrer in einer Versorgungseinheit hinter der Front arbeiten. Er wird jedoch sehr schnell mit der ganzen Brutalität des Krieges und dem Zynismus SS konfrontiert und er muss erleben, wie sein bester Freund Fiete Caroli zunächst verwundet wird, dann desertiert und von Feldjägern gefangen genommen wird. Walter, der vergeblich versucht hatte seinen Freund von der Fahnenflucht abzubringen, gerät nun unschuldig in die Situation, dass er von einem SS-Offizier gezwungen wird, selbst mit seinen Stubenkameraden die Exekution vornehmen muss – wohl eine typische Perversion der SS.

Die Exekution, die Walter vergeblich zu verhindern sucht, ist der tragische Höhepunkt der Handlung, die die Erlebnisse der Generation der Flakhelfer verdichtet, die noch am Ende des NS-Regimes in die Kampfhandlung der 2.Weltkriegs geworfen werden und mit 17 Jahren oder jünger ein Schicksal erleiden, mit dem Sie für den Rest ihres Lebens umgehen müssen. Wenn Walter nicht auf seinen Freund schießt, wird er selbst exekutiert, d.h. er ist als 17-jähriger gezwungen, seinen Freund zu erschießen und es wird die einzige Patrone bleiben, die er in Kampfhandlungen abschießt.

Ralf Rothmann setzt sich in seine Roman von der typischen Verurteilung der „Vätergeneration“ ab, er entschuldigt auch nicht, sondern ist (wie Ursula März in Deutschland-Radio Kultur sehr treffend bemerkt) teilnehmender Beobachter. Ursula März weist im gleichen Beitrag auch darauf hin, dass auch Günter Grass der SS-Division „Jörg von Frundsberg“ angehört. Dies könnte, So März weiter, vom Leser als Hinweis gelesen werden, dass Rothmann sagt: „Macht es Euch nicht zu einfach! Ihr ward nicht dabei, ihr ward damals nicht Siebzehn.“ Allerdings weist Rothmann derartige politische Statements von sich. Trotzdem ist diese Sichtweise auf den einzelnen Menschen im zweiten Weltkrieg anders, als die teilweise pauschalen Verurteilungen der Vätergeneration durch die 68er. Interessanterweise deckt sich diese beobachtende und teilweise empathische Haltung durchaus mit der Haltung von Heinrich Böll, der in „Gruppenbild mit Dame“ ebenfalls die Wirrnisse der letzten Kriegstage erzählt und deutlich macht, dass moralische Werturteile über Handlungen im 2.Weltkrieg häufig den Menschen nicht gerecht werden.

Allerdings geht die Handlung des Romans noch weiter: Nach Kriegsende, im April/Mai 45 gerät Walter zunächst in Kriegsgefangenschaft der US Armee und kehrt dann von München über Oberhausen nach Schleswig auf seinen Lehrbetrieb zurück. Schließlich endet der Roman in Kiel, wo Walter seine Geliebte Elisabeth wiedertrifft.

Ein Einordnung des Romans in das historische Genre würde jedoch dem Erzähler Ralf Rothmann überhaupt nicht gerecht, denn im Grunde geht es Rothmann stärker um die Entwicklung seines Helden. Der Beginn des Romans ist wuchtig: Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller erlebt den Tod seines Vaters und charakterisiert sehr knapp auf wenigen Seiten ein Leben, in dem man sich vor alltäglichem Grau nicht retten kann: Für den sehr ernsten Vater steht die Arbeit, zunächst als Melker, dann als Bergmann. Der Vater wird zwar von Nachbarn als „hochanständig“ geschätzt, hat aber kaum Freunde und ist schwermütig. An dem Freundeskreis seiner Frau nimmt er wenig Anteil und kann mit niemandem sein Schweigen teilen. Im Grunde ist der Vater eine vereinsamte, innerlich zerbrochene Figur. Dies wäre nicht untypisch für die Generation, deren Zerbrechen Wolfgang Borchert in „Draussen vor der Tür“ 1946 zuerst beschrieben hat. In Rothmanns Roman kann der Erzähler wenig über seinen Vater berichten, nur dass offensichtlich die letzten Wochen des Weltkriegs für ihn biografisch eine entscheidende Zeit waren. Diese Zeit wird nun aus Sicht des Schriftstellers erzählt – eine für Rothmann typische Perspektive.

Nach diesem Anfang kann man eigentlich nur deprimiert sein, aber die Handlung springt nun sofort in den Winter 1944/45 und die Erzählung bekommt plötzlich einen völlig anderen Tonfall. Und der ist gewollt. Der Melker Walter geht zu einem Fest des Reichsnährstandes, um seine Freundin Elisabeth zu treffen. Doch das Fest ist eine Falle und die jungen Männer werden alle von der SS zwangsrekrutiert.

Und sehr schnell wird ein Kontrast der Figuren deutlich, denn der Walter, der jetzt durch die Apokalypse des 2.Weltkriegs geht, ist ein zwar ein eher zurückhaltender und schweigsamer Beobachter: Walter beobachtet die Ereignisse teilweise sehr sachlich, jedoch mit einer großen naiven Offenheit – einer Naivität, die durchaus für die Generation der Flakhelfer. Und die Haltung beim Erzählen ist sehr ähnlich wie in „Stier“ oder „Junges Licht“ eine dem Leben zugewandte. In diesem Roman sucht man vergeblich nach Selbstmitleid, zu dem Walter eigentlich Anlass hätte. Und ähnlich wie die Hauptfiguren in „Stier“ und „Junges Licht“, weiß auch Walter intuitiv, wie er seinen Weg machen muss. Besonders absurd mutet dabei an, dass Walter das Grab seines Vaters suchen möchte, das er nahe der Kampflinie an der ungarischen Front vermutet. Walter fährt also mit einem Motorrad mehrere Tage durch die Apokalypse der letzten Kampfhandlungen 1945. Und er erlebt den Zusammenbruch der Wehrmacht mit äußerster Brutalität, doch das hält ihn nicht davon ab, immer weiter zu suchen. Erst direkt hinter der Front muss er die Suche erfolglos abbrechen. Doch mit der kurzen Suche bezweckt Rothmann etwas anderes: Er zeigt Walter einerseits als erstaunlich selbstbewusst Handelnden, der sich selbst von der schlimmsten Brutalität nicht abhalten lässt.

Man könnte nun fragen, ob es Rothmann geglückt ist, das historische Szenario der letzten Kampfhandlungen für den Leser aufzubauen. Hier hätte ich vermutet, dass sich ein Erzähler wie Rothmann leicht überhebt, denn es erscheint mir nicht ganz trivial, zwischen historischen Fakten eine Handlung aufzubauen. Doch das gesamte Panorama der Kampfhandlungen ist vollkommen überzeugend aufgebaut, gerade weil Rothmann zwar viele Details genau schildert, sich jedoch nicht mit einer genauen Dokumentation etwa von Truppenbewegungen oder Frontverläufen aufhält. Der Roman ist in seinem historischen Umfeld geradezu bestürzend authentisch.

Einen gewissen Bruch erlebt der Roman in der Figur des Walter, denn es besteht meines Erachtens ein Unterschied in der Eingangsschilderung des Schriftstellers, in der Walter als gebrochene Gestalt geschildert wird, und dem Walter wie er das Ende des 2.Weltkriegs erlebt und dabei jedoch innerlich lebendig bleibt – und das obwohl er den Freund exekutieren muss. Rothmann sagt im Gespräch mit der Sendung „Titel Thesen und Temperamente“ in der ARD vom 08.07.2015 dazu etwas interessantes: „Ich hoffe, dass wenn er [der Vater] das Buch lesen könnte, dass er dann sagte, ja, es war vielleicht nicht ganz so, aber es hätte so sein können.

Und so liest sich der Roman in weiten Teilen: Rothmann imaginiert sich in die Handlung der letzten Kriegstage und arbeitet (vielleicht stellvertretend) das Schicksal des Vaters auf. Und diese Haltung ist dem Buch überhaupt nicht abträglich, im Gegenteil: Rothmann lässt mit dieser Erzählweise den Vater wieder aufstehen und zeigt, dass das Leben der Generation der Flakhelfer bei allen Schicksalsschlägen ein gelebtes, und wenigstens teilweise glückliches Leben war.

Dies wird vor allem im letzten Abschnitt deutlich, wo Walter seine Freundin Elisabeth wieder trifft, sie umwirbt und ihr einen Heiratsantrag macht. Dieser letzte Teil strotzt zunächst nur so vor Optimismus: Der Krieg ist vorbei, es ist Sommer und die Liebenden, die sich nach einem halben Jahr wiedertreffen, verstehen sich auf Anhieb und ohne Worte. Und doch wird hier nur ganz subtil die weitere Entwicklung bei Walter angedeutet: Als Leser merkt man, dass Walter und Elisabeth Schwierigkeiten haben, über Walters Fronterfahrungen zu sprechen. Und obwohl sich beide in vielen Dingen sofort verstehen, in diesem einen Punkt reden sie aneinander vorbei und dies könnte zum späteren Bruch in der Persönlichkeit Walters führen. Allerdings bleibt dieser Punkt nur angedeutet.

Der Roman von Rothmann ist in jeder Hinsicht lesenswert und Rothmann zeigt eine neue Art der historischen Betrachtung: Die moralische Bewertung des 2. Weltkriegs und der Verbrechen des Nationalsozialismus sind auf einer allgemeinen Ebene aus heutiger Sicht kaum anders als vor 30-40 Jahren, nur dass noch mehr historische Fakten bekannt sind. Doch Ralf Rothmann zeigt durch seine Art der Beobachtung, dass die moralische Bewertung der einzelnen Menschen in dieser Zeit sehr viel schwieriger wird, gerade in einer Situation, in der die letzten Zeitzeugen sterben.

Gleichzeitig darf man Rothmanns Buch nicht als politisches Statement missverstehen, hier würde man die Absicht des Autors vollständig missdeuten. Ralf Rothmann möchte in seinem Roman dem Leben und der seelischen Entwicklung seines Vaters nachspüren und vor allem dies ist ihm in beeindruckender Weise gelungen!

Ralf Rothmann liest aus „Im Frühling sterben“ am 9.September 2015 um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen

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Ralf Rothmann – eine kurze Werkschau

6. September 2015

Heute geht es um einen meiner Lieblingsautoren, nämlich Ralf Rothmann. Im Juni 2015 hat Rothmann mit „Im Frühling sterben“ einen weiteren beachtlichen Roman vorgelegt, daher möchte ich einige Gedanken zu Autor und Werk, die mich seit vielen Jahren bewegen, teilen. Meine agrarpolitischen Leser mögen mir also verzeihen, wenn ich heute zwei literarische Texte veröffentliche, die nichts mit Agrarpolitik zu tun haben und gelobe, auch dazu demnächst wieder zu schreiben.

Ralf Rothmann, *1953 (copyright Suhrkamp-Verlag)

Ralf Rothmann, *1953 (copyright Suhrkamp-Verlag)

Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, ist meiner Ansicht nach einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren. Er ist als Schriftsteller bekannt für seine meist autobiografisch gefärbten Ruhrgebiets-Romane. Meist handelt es sich um Entwicklungsromane, die mit Hilfe von konstruierten Rückblicken und Reisen in die Vergangenheit dargestellt wird. Stilprägend hierfür ist wohl „Stier“ aus dem Jahr 1991, der von die Entwicklung von Kai Carlsen vom Maurer-Lehrling zum schriftstellerisch begabten Weltenbummler und Künstler zeigt. Die Rahmenhandlung beginnt mehr oder weniger in der Berliner Gegenwart der späten 1980er Jahre und zeigt den Schriftsteller Carlsen, wie er versucht über den Sommer in einer Hinterhofwohnung seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. In den Ruhrgebietsromanen zeigt Rothmann jedoch auch die Entwicklung des Ruhrgebietes seit den frühen 1970er Jahren.

Stier“ ist ein Roman, der 1991 einen weniger verklärenden Blick auf die bis dahin im linksliberalen Milieu gerne glorifizierte Generation der 1968er wagt. Im ersten Teil des Romans bricht Kai Carlsen zunächst aus dem proletarischen Maurer-Milieu aus, macht im zweiten Teil des Romans den Ausstieg der 68er mit. Er wird Teil der Subkultur rund um die Hippie-Kneipe „Blow Up“ in Essen und wohnt mit den angesagten Szene-Typen in einem halb verfallenen Haus. Der Traum des selbstbestimmten Ausstiegs wird durch eine kriminelle Motorrand gewaltsam beendet. Im dritten Teil des Romans erlebt Kai als Hilfspfleger in einem Krankenhaus auch das Scheitern der Hauptprotagonisten der 68er, hauptsächlich repräsentiert durch den Kneipenbesitzer Eckhart „Ecki“ Eberwein, dessen Träume schicksalhaft zu Grunde gehen. Kai dagegen entdeckt für sich eine Strategie, sich selbst und seine literarischen Ambitionen unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen weiter zu entwickeln.

Wie bereits Hellmuth Karaseck 1991 im literarischen Quartett bemerkte, ist dieser Roman auch eine gelungene Milieustudie über die 68er und deren Scheitern. Dieser Blick ist für Rothmann (Jahrgang 1953) möglich, der einmal in einem Interview „mit dem Freitag“ aus dem Jahr 2000 bekundete, für die 68er zu jung gewesen zu sein und viel Sympathie für die Punk-Bewegung gehabt zu haben, für die er jedoch zu alt gewesen sei. Die innerliche Distanzierung des Post-68er Rothmann wird in Stier nachgezeichnet, gleichzeitig ist „Stier“ jedoch auch ein Roman der Schriftsteller-Werdung.

Die Figur des Kai Carlsen ist typisch für die Romane Rothmanns: Kai zeigt als schüchterner Außenseiter die Welt des Ruhrgebiets mit seinen proletarischen Milieus mal als kühler, mal als melancholischer oder auch als verschmitzter Beobachter. Und diese kühle Beobachtung ermöglicht ihm auch an der Entwicklung der Figuren teilzunehmen. Dies dürfte zunächst auf nicht wenige Entwicklungsromane zutreffen, aber die Art der Beobachtung ist bei Rothmann eine besondere: Die seelische Verfassung der Figuren Rothmanns wird meist sehr subtil oder untergründig als Andeutungen und in Halbsätzen zwischen Alltäglichkeiten aus dem Ruhrgebiet oder auch in Naturprozesse in den Text eingearbeitet, so dass man ohne aufmerksames Lesen die eigentliche seelische Entwicklung der Helden verpasst.

Programmatisch entwickelt Rothmann hierfür im  Roman „Wäldernacht“ (1994) ein Bild: Rothmann beschreibt die Kohleflöze im Ruhrgebiet als „steinalte Wäldernacht“ und nutzt sie als Sinnbild, um das „ewige“, sich nicht verändernde Leben im Ruhrgebiet zu charakterisieren, aus dem der Held ausbrechen will. Und „keiner konnte sich da herausträumen“ (S.146 in der Taschenbuchausgabe von Suhrkamp). Diese gedachte Ewigkeit löst im Helden von Wäldernacht, Jan Marrée dann Beklemmungen aus, da auch er um Emanzipation von seiner Herkunft auf dem Ruhrpott kämpft. Das Bild aus der Natur wird (ähnlich wie im Naturalismus) verwendet um den seelischen Zustand der Helden anzudeuten. Allerdings finden die eigentlichen Veränderungen nur angedeutet und leicht überlesbar statt. Rothmann bewegt sich mit diesem untergründigen Stil immer sachlich nüchterner Beschreibung und einer mystisch überhöhten Sprache. Teilweise wurde ihm daher von der Literaturkritik (etwa Sigrid Löffler im literarischen Quartett 1991) schon mal „Kitsch“ vorgeworfen, andererseits „riskiert“ Rothmann mit seiner Sprache einiges (so Hellmuth Kraseck 1991 im literarischen Quartett).

Auch die Symbolik von Rothmann ist teilweise mystisch überhöht: So heißt in „Stier“ die Kneipe von Ecki „Blow Up“, in der sich Ende der 1960er Jahre die Hippie-Szene in Essen trifft. Doch beschrieben wird sie im Grunde als dionysischer Hades der Selbstverwirklichung, in den der neugierige Kai auf der Suche nach seinem Selbst gleichermaßen wie Orpheus eindringt. Die Musik ist der psychedelic Rock der späten 60er Jahre. Am Einlass der Kneipe sitzt wie ein Kerberos der legendäre „Salzburger“, der auswählt, ob man würdig ist um Teil der In-Kultur zu sein. Auch die Figuren „Schnuff“ und „Move“ (der mit richtigem Namen Harald heißt…) sind zu Beginn der Inbegriff der „coolen Typen“, die in der Szene stilbildend sind. Das Blow Up ist der Handlungsort dieser Zeremonienmeister. Doch weiteren Verlauf des zweiten Teils wird aus dieser Szene und speziell den Underground-Figuren die Luft herausgelassen. Es zeigt sich, dass viele Träume der Hippies nur Luftnummern sind und die coolen Typen des „Blow Up“ im Grund nur kleine Lichter sind, die beim kleinsten Konflikt in spießbürgerliche Verhaltensmuster zurückfallen. Nur Ecki unterscheidet sich von den Kleingeistern, doch ihm setzt das Leben derart zu, dass sein Kneipenprojekt und auch er als Person scheitert.

Weil Rothmann ein Meister dieses untergründigen und angedeuteten Stils ist, wird man als Leser genötigt den Zwischentönen eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Man springt mitunter einige Absätze zurück und liest Absätze ein zweites Mal, um den Moment, in dem eine Handlung kippt, nicht zu verpassen. Einige Kritiker entdecken in diesen Zwischentönen Spiritualität, weshalb Rothmann auch mit Heinrich Böll verglichen wird.

Ähnlich konstruiert wie Stier sind auch die Romane „Wäldernacht“ (1994) und „Milch und Kohle“ (2000). Die drei Romane bilden zusammen die sog. Ruhrpott-Trilogie, die durch den Roman „Junges Licht“ (2006) ergänzt wird. Alle drei Nachfolgeromane zeigen bei allen Unterschieden ein ähnliches Muster, wobei „Junges Licht“ wohl der intensivste Ruhrgebietsroman von Rothmann ist, vielleicht weil sein Held Julian der jüngste Held Rothmanns ist. Vor „Stier“ hatte Rothmann bereits die Erzählungen „Auf Messers Schneide“ (1986) und „Der Windfisch“ (1988) veröffentlicht. Mit „Flieh Mein Freund“ (1998) und „Hitze“ (2003) hat er auch zwei Romane geschrieben, die im Berlin der 1990er und 2000er Jahre spielen. Alle Werk Rothmanns sind im Suhrkamp-Verlag erschienen.

Neben Gedichten, Hörspielen und drei Bände mit Kurzgeschichten legte Rothmann 2009 den eher untypischen autobiografischen Roman „Feuer brennt nicht vor“, der im Werk Rothmanns eine Zäsur bedeutete. Der Werdegang des Schriftstellers, der Rothmann sehr ähnelt, liest sich anders als die Vorgänger, da die Sprache realistischer ist und die Beschreibungen der Affären und Liebesspiele des Schriftstellers sehr explizit und damit teilweise hart am Rand des Erträglichen sind. Die Handlung kulminiert in einer privaten Katastrophe, dem Tod seiner Frau. Allerdings war mir nie ganz klar, wie viel der Romanhandlung tatsächlich faktisch ist und wie viel fiktional. Trotzdem stellte sich für mich die Frage, inwieweit dieser Roman ein Wendepunkt im Werk von Ralf Rothmann, und der Roman stilbildend für spätere Romane sein würde. Insofern konnte man gespannt sein auf den nächsten Roman. Rothmann legte nun im Juni 2015 „Im Frühling sterben“ vor und um es vorweg zu nehmen, Rothmann hat sich verändert und bleibt sich gleichzeitig treu. Im nächsten Text werde ich den Roman im Detail besprechen.

Bemerkenswert ist auch, dass Rothmann seinen Verlag Suhrkamp gebeten hat, den Roman nicht für das Rennen um den deutschen Buchpreis zu nominieren. Begründung: „Er möchte lieber nicht„. Das ist einfach wunderbar! Auch diese Zurückhaltung gegenüber der medial überhitzten Gschaftlhuberei im Literaturbetrieb, ist typisch für Rothmann und seine Gelassenheit ist durchaus nachahmenswert.

Feedback zu diesem Text ist sehr willkommen, zumal ich kein Literaturwissenschaftler bin.

Ralf Rothmann liest aus „Im Frühling sterben“ am 9.September 2015 um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen