Posts Tagged ‘Ökofläche’

Entwicklung des Ökolandbaus 2016: Eine Geschichte über Fakten und Narrative

28. August 2017

Wie hat sich der Ökolandbau entwickelt? Normalerweise ziehe ich im Frühjahr Bilanz, allerdings wurden die Zahlen dieses Jahr ausführlich in der Presse diskutiert, insofern bestand kein Anlass, dieses Jahr einen solchen Text zu schreiben. – Das dachte ich bis vor drei Wochen, als neue Berichte aufkamen, die eine sehr eigenwilligen Umgang mit den Fakten zeigten. Daher beschäftigt sich dieser Blogbeitrag etwas verspätet mit der Frage, wie sich der Ökolandbau in den Jahren 2015/16 entwickelt hat. Im Anschluss werde ich auf die fragwürdigen Presseberichte eingehen.

Flächenentwicklung 2016

Im Juli 2017 gab es neue Zahlen zur Flächenentwicklung des Ökolandbaus. Der Ökolandbau konnte 2016 außergewöhnlich hohe Umstellungsrate verzeichnen. Die folgende Tabelle zeigt die ökologisch bewirtschaftete Fläche 2010, 2015 und 2016, sowie die Zuwachsrate in verschiedenen Bundesländern im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2015 und von 2015 auf 2016 (jeweils in Prozent):

Tabelle 1: Flächenwachstum des Ökolandbaus in verschiedenen Bundesländern 2010-2016

Fläche Ökolandbau

Es zeigt sich, dass der Ökolandbau in allen Bundesländern außer Rheinland-Pfalz von 2015 auf 2016 deutlich stärker gewachsen ist. In vielen Bundesländern wächst der Ökolandbau zweistellig, in Sachsen sogar bis zu 28,7%. Noch am 17.07.2017 hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft daher in einer Pressemitteilung über „Rekordumstellung“ berichtet, was auch gebracht wurde.

Organic grain production in East Germany (Photo Sebastian Lakner, 2011)

Ökologische Getreideproduktion in Brandenburg 2011

Andererseits hat das Bundesamt für Statistik im August die Pressemitteilung Nr. 286 vom 18.08.2017 veröffentlicht, die vermeldet, dass nur 4% der Ackerfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Experten wissen, dass der gesamte Flächenanteil des Ökolandbaus (inklusive Grünland) insgesamt mit ca. 8% deutlich höher liegt. Der größte Teil der Ökofläche ist somit Grünland, während ein geringerer Anteil Ackerland ökologisch bewirtschaftet wird. In der Pressemeldung wird auch auf vergleichsweise niedrige Marktanteile im Bereich Tierhaltung hingewiesen. Interessant ist dabei, dass in der Pressemitteilung davon gesprochen wird, dass der Ökolandbau in der Tierhaltung eine „untergeordnete Rolle“ spiele. (Ob die Statistiker auch definieren können, ab wann etwas keine untergeordnete Rolle mehr spielt?). Diese teilweise etwas wertende Pressemitteilung wurde im August von einigen Zeitungen aufgegriffen und zugespitzt. Leider wurde diese Bewertung durch das Bundesamt nicht hinterfragt. Aber zunächst die Frage, ob diese Sicht durch Fakten gedeckt ist.

Lt. AMI Marktbilanz Ökolandbau 2017 (S.25) macht das Ackerland 2015 an der gesamten Ökofläche einen Anteil von 41% aus. Sieht man sich die Erntemengen an, dann werden z.B. bei Weizen nur ein Anteil von 1,8% der gesamten Erntemenge erzielt. Ackerbau im Ökolandbau bleibt ein schwieriges Geschäft, was allerdings keine sonderlich neue Erkenntnis ist. Osteuropäische Ökobetriebe sind teilweise wettbewerbsfähiger, weshalb lt. AMI-Statistik (Grafik vom 14.03.2017 jedes Jahr Getreide importiert wird. Der Importanteil schwankt etwas, so lagen die Getreideimporte 2017 z.B. 25%, in 2016 waren es dagegen 24%. Das ist allerdings schon seit Jahren bekannt und den Importen stehen auch Exporte der verarbeitenden Unternehmen gegenüber. Der Ackeranteil ist vielleicht ausbaufähig, aber auch das Ackerfläche wächst kontinuierlich.

Der Marktanteil bei Getreide und Fleisch sind ebenfalls unterdurchschnittlich – beides wird vom Statistischen Bundesamt berichtet. Der Marktanteil der Ökoprodukte am Lebensmittelmarkt insgesamt ist 2017 gegenüber dem Vorjahr um ca. 10% gewachsen und liegt bei ca. 4% des gesamten Lebensmittelmarktes. Es gibt allerdings Produkte mit recht hohen Marktanteilen wie z.B. Gemüse (9,5%), Eier (8,9%) und Schaffleisch (12%). Einzelne Gemüsesorten wie Möhren oder Rote Beete halten mit 14,7% und 26% vergleichsweise hohe Marktanteile, vermutlich auch, da diese in der Babybrei-Herstellung eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Auch Äpfel (14%) und Birnen (16%) haben überdurchschnittliche Marktanteile.

Die Preisentwicklung verlieft unterschiedlich: Der Milchmarkt war 2016 geprägt von dem Preisverfall auf dem konventionellen Milchmarkt einerseits und einem erstaunlich stabilem Preis für ökologische Milch andererseits. Die hohen Preise für Ökomilch dürften auch den einen oder anderen Betrieb zur Umstellung bewogen haben. Nach einem leichten Preisrückgang für Biomilch Mitte 2016, bewegen sich die Preise wieder in Richtung 48 cent und bis Mai 2017 ist kein Rückgang zu verzeichnen. Interessant wird es, ob sich die Umstellungsrate noch auf den Preis auswirkt.

 

Entwicklung für ökologischem und konventionellem Milchpreis 2007-16

Abb.1: Entwicklung für ökologischem und konventionellem Milchpreis 2007-16

Auf dem Getreidemarkt war 2016 eine stabile bis leicht steigende Tendenz für ökologisches Backgetreide zu beobachten. Allerdings könnte durch die Ernteausfälle im Sommer 2017 weitere Preisanstiege zu beobachten sein. Hierzu liegen noch keine Informationen vor. Für die Betriebe muss dies nicht ein Vorteil sein, da höhere Preise mit niedrigeren Erntemengen einhergehen. Insofern bleibt zu hoffen, dass der Rest der Ernst 2017 ohne weitere Komplikationen verläuft.

Preise für ökologischem und konventionellem Backgetreide 2009-17

Abb.2: Preise für ökologischem und konventionellem Backgetreide 2009-17

Gewinnsituation der Ökobetriebe:

Die Gewinnermittlung basiert seit vielen Jahren auf den Auswertungen aus dem BMEL-Testbetriebsnetz, die vom Thünen-Institut (Dr. Jürn Sanders und Kollegen) vorgenommen werden. Hierzu lagen bereits in der BÖLW-Broschüre erste Zahlen vor, die Jürn Sanders mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, die jedoch vorläufig, und daher noch nicht veröffentlicht sind. An Hand dieser Daten zeigt sich, dass die Ökobetriebe im Wirtschaftsjahr 2015/16 im Durchschnitt deutlich höhere Gewinne erzielten als konventionelle Vergleichsbetriebe Abb.3:

Gewinnvergleich 2016

Diese Durchschnittsbetrachtung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erfolgskennzahlen im Ökolandbau immer streuen. Insgesamt zeigt die Gewinnauswertung eine sehr gute Situation von Ökobetrieben in Deutschland. Interessant ist hierbei auch, dass die Gewinnsituation zwischen Ackerbau und Tierhaltenden Betrieben durchaus sehr unterschiedlich ist.

Tabelle 2: Einkommen (Gewinn und Personalaufwand) auf ökologischen und konventionellen Vergleichsbetrieben 2015/16 in EUR /AK

Screenshot 2017-08-28 08.50.15

Es zeigt sich, dass der Ökolandbau vor allem im Ackerbau nicht so wettbewerbsfähig ist, wie bei den Milchviehhaltern und den Verbundbetrieben. Der durchschnittliche Gewinnvorteil im Ökolandbau bei dürfte vermutlich mit den enormen Preisunterschieden (ca. +300%) und damit auch mit den deutlichen Gewinnunterschieden (+172%) zwischen ökologischer und konventioneller Milch zusammenhängen. Trotzdem zeigen die Daten, dass der Ökolandbau wirtschaftlich auf vielen Betrieben ein Erfolgsmodell ist.

Fazit: Der Ökolandbau wächst auch 2016 kontinuierlich. Richtig ist auch, dass die Bäume gerade im Ackerbau nicht in den Himmel wachsen. Ökolandwirte müssen sich (wie in allen Branchen) jedes Jahr dem Wettbewerb stellen und können sich hier im Durchschnitt gut behaupten.

Interpretation in den Medien: Fragwürdige Narrative

Es muss wohl am Sommerloch liegen, dass einige Redaktionen die eher pessimistische Darstellung des Bundesamtes für Statistik aufgriffen, sich andererseits aber nicht die Mühe machten, die tatsächlichen Kenndaten zu recherchieren. Meinungsführer ist der Spiegel, der am 18.08.2017 seinen kurzen Bericht mit „Ess O Ess – Anteil der Biolandwirtschaft bleibt gering“ überschreibt. Und es ist scheinbar wie so häufig: Wenn man in Hamburg in der Spiegel-Redaktion eine Branche nicht mag, dann wird sie nicht fair behandelt. Wichtig ist das Narrativ, ob die Fakten stimmen ist zweitrangig. Bereits 2014 hatte der Spiegel von einer massiven Krise berichtet mit einem Artikel, der zahlreiche Fehler und Ungenauigkeiten enthielt. So schreiben die Spiegel-Autoren weiter, dass der Ökolandbau weiterhin in Deutschland eine „untergeordnete Rolle“ spielt – die Wortwahl des Statistischen Bundesamtes wird übernommen und ausgebaut. Die Produktion sei so gering, dass die deutsche Biobranche „die steigende Nachfrage mit heimischen Waren kaum bedienen“ kann – angesichts gut gefüllter Regale in den Bio-Supermärkten eine gewagte These. Dass ein Teil von Agrarprodukten nach Deutschland importiert wird, ist sowohl für den Ökosektor als auch für die konventionelle Lebensmittelverarbeitung bekannt und nicht ungewöhnlich. Trotzdem suggeriert der Spiegel, hier sei ein Markt aus dem Gleichgewicht.

Ein Teil der Hersteller, so der Spiegel weiter, betrüge angeblich – eine Story, die der Spiegel im Mai 2017 berichtet hatte, die jedoch nur einzelne Betrugsfälle aufführt. Der Spiegel legt allerdings mit seiner ungenauen Formulierung nahe, dies sei ein Branchenphänomen, was vielen anderen Herstellern schadet. Aber solche Erwägungen spielen beim Spiegel offenbar keine besondere Rolle. Die Zahlen des Certcost-Projektes der Uni-Hohenheim (vgl. Gambelli et al. 2012) zeigen jedoch, dass die Anzahl der Kontrollen mit deutlichen Verstößen in Deutschland meist unter 5% liegt (aktuellere Zahlen kenne ich leider nicht. Trotzdem suggeriert der Spiegel basierend auf Einzelfällen regelmäßig, dass Betrug im Ökolandbau an der Tagesordnung sei. Empirisch lässt sich das nicht belegen.

Wenn die Redaktion des Spiegels glaubt, das Ende des Ökolandbaus sei nahe, dann ist das vielleicht die sehr exklusive Meinung der zuständigen Redakteure. Allerdings findet man einen ähnlichen Kommentar in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) vom 18.08.2017, und hier wird nun völlig frei argumentiert: Der Autor behauptet, „die politischen Ziele zur Ausweitung der Öko-Produktion in Deutschland sind bislang weitgehend verpufft“. (Ich weiß jetzt zwar nicht, wie ein Ziel „verpuffen“ kann, aber vielleicht gibt es das in Osnabrück. Wobei ich mich mit Spott zurückhalten muss, da meine Blogbeiträge mit Sicherheit auch zahlreiche Formulierungsfehler enthalten.) Vermutlich sind hier die Fördermaßnahmen für den Ökolandbau gemeint und den Punkt könnte man diskutieren, wenn die Fakten stimmen würden. Aber wie ich oben dargestellt habe, geht das Argument völlig an der Realität vorbei.

Des weiteren stellt der NOZ-Autor Dirk Fisser heraus, dass Ökolandbau genauso von Skandalen betroffen sei. So sei Fipronil angeblich in Öko-Eiern gefunden worden und der Ökolandbau folglich vom Fipronil-Skandal betroffen: „Und das Insektizid Fipronil wurde auch in Bio-Eiern nachgewiesen.“ Sprich, Bio-Ware sei genauso Massenware und für Skandale im gleichen Maße anfällig für Skandale. Eine steile These, die nur funktioniert, wenn man alle Ökobetriebe über einen Kamm schert.

*** Nachtrag: In der ersten Version des Artikels gab es einen sachlichen Fehler. Lt. Website der Verbraucherzentrale sind tatsächlich Biobetriebe betroffen, die Kennzeichnung dort weist eine „0“ aus. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium hat in einer PM am 03.08.2017 darüber ebenfalls informiert. Der Streit zwischen Christian Meyer und der CDU ging darum, ob der erste Betrieb ein Ökobetrieb war, was falsch ist. Die sachliche Berichterstattung war in diesem Punkt richtig und mein ursprünglicher Vorwurf der Fehlinformation ist damit gegenstandslos. Trotzdem wird dies aus dem Artikel der NOZ nicht deutlich und es stellt sich auch die Frage, ob der Vorwurf von Fisser, dies Skandale passierten im Ökolandbau genauso, berechtigt ist. Immerhin handelt es sich um ein Insektizid, das im Ökolandbau verboten ist. Dies dem Ökolandbau vorzuhalten, erscheint für mich weiterhin fragwürdig. ***

Auch die Taz vom 18.08.2017 greift das Thema auf und auch hier wird die ökologische Tierhaltung als ein „Randphänomen“ beschrieben. Auch hier basiert die Faktenrecherche hauptsächlich auf der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes und einem Statement von Friedhelm Mehring vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Seine Äußerung, man brauche eine noch höhere Öko-Prämie, steht allerdings etwas in der Luft, da in den meisten Bundesländern die Prämien gerade seit 2013 erhöht wurden.

Die Berichterstattung der drei genannten Zeitungen ist insgesamt recht dünn und gibt kein korrektes Bild zur Lage im Ökolandbau. Offenbar ist man in den Redaktionen nicht in der Lage, eine Meldung zu Strukturdaten im Ökolandbau vernünftig einzuordnen und zusätzliche Daten zu recherchieren. Wie ist ansonsten zu erklären, dass die Neue Osnabrücker Zeitung noch am 16.07.2017 ein Rekordhoch bei der Umstellung auf Ökolandbau meldet, um dann im 18.08.2017 zu kommentieren, dass im Ökolandbau die Produktion die Nachfrage nicht decke und die Förderung eigentlich „verpufft“ sei. Die Berichterstattung ist sehr meinungsstark, die Kommentare sind jedoch nicht ausreichend durch Fakten gedeckt.

Fazit: Der Ökolandbau als Objekt von Meinungsmachern

Diese Art der fehlerhaften Berichterstattung geht zum Schaden des gesamten Ökolandbaus. Spiegel, Taz und NOZ schreiben eine umweltfreundliche Anbaumethode kaputt, statt sich differenziert mit Vor- und Nachteilen auseinanderzusetzen und alle Fakten zu recherchieren. Und den Verbrauchern und Lesern wird ein falsches Bild des Ökolandbaus vermittelt – wobei die meisten Zeitungsleser vermutlich ohnehin im August im Urlaub sind (zumindest die meisten Spiegel- und Taz-Leser). Die Berichterstattung im Sommerloch macht offenbar auch vor den Agrarthemen nicht halt.

Leider passen diese Artikel insgesamt auch zu einer Agrarberichterstattung in den großen Redaktionen, die qualitativ teilweise sehr heterogen ist. Es gibt viele Journalisten, die nachfragen und die sich in kurzer Zeit einen guten Einblick in Agrarthemen verschaffen. Aber das ersetzt auf lange Sicht nicht die Expertise. Die Zusammenhänge in der Agrarwirtschaft sind nicht ganz einfach und Redakteure müssen Aufwand betreiben. Allerdings ist es eine gute Recherche wichtig, da ansonsten kritische Artikel zu Agrarthemen von den Praktikern nicht mehr ernst genommen werden und Landwirte sich aus den gesellschaftlichen Debatten ausklinken – dieses Phänomen trifft gerade auch auf landwirtschaftskritische Artikel zu. Und Top Agrar und andere Agrar-Portale, die die Akzeptanz der Landwirte haben, werden die gesellschaftlichen Debatten um die Landwirtschaft nicht ausreichend führen können, da hier häufig eine branchendominierte Sichtweise vorherrscht und somit keine Vermittlung von Sichtweisen an eine breite Leserschaft möglich ist.

Der Ökolandbau schneidet in diesem Einzelfall bei den genannten Artikeln schlecht ab und die Kommentierung ist kaum durch die Fakten gedeckt. Bei Taz und NOZ kann man dies zur Not mit mangelnder Recherche entschuldigen. Beim Spiegel passt dieser Bericht jedoch in eine lange Reihe von systematischer Negativ-Berichterstattung, die ich bereits vor 2 Jahren auf meinem Blog kritisiert habe. Insgesamt ist das sehr schade und diese Berichterstattung wird der täglichen Arbeit der Landwirte nicht gerecht.

 

Advertisements