Archive for the ‘Energiepolitik’ Category

Energiewende vor die Wand gefahren – Strategie oder Inkompetenz?

12. März 2015

Der hessische Landtag untersucht aktuell die juristisch fehlerhafte Stilllegung des Atomkraftwerks Biblis und hat am 6.März 2015 die ehemaligen Bundesminister für Umwelt bzw. im Kanzleramt, Norbert Röttgen (CDU) und Ronald Pofalla (CDU) dazu angehört. Die Frage des Ausschuss ist, wie es dazu kommen konnte, dass Hessen aufgrund von Verfahrensfehlern von RWE auf Schadensersatz verklagt wird.

Man hätte die Stilllegung auch juristisch wasserdicht anordnen können: Dies ist die Geschichte von einem ehemaligen Beamten im Umweltministerium, Gerrit Nienhaus, der inzwischen die Atomaufsicht im grünroten Baden-Württemberg leitet. Niehaus war Anfang der 1990er Jahren Grüner in Marburg und arbeitet schon damals im Bundesumweltministerium. Inzwischen gilt er als ein absoluter Experte für Atomrecht. Er hätte, so die taz am 09.03.2015, 2011 eigentlich gewusst hätte, wie man eine AKW-Stilllegung rechtlich wasserdicht anordnet. Er hatte damals in einem ministeriumsinternen Papier z.B. vorgeschlagen, die Konzerne vor der Anordnung anzuhören, worauf verzichtet wurde. Im Nachhinein wohl die formal günstigere Variante.

Im Geflecht der Energiewende: Auch die Bahnpreise steigen

Im Geflecht der Energiewende: Auch die Bahnpreise steigen (Foto: Sebastian Lakner)

Aber er durfte nicht, weil die Ministeriumsleitung seine Arbeitsgruppe nicht einbeziehen wollte. Das erarbeitete Papier zur Stilllegung wurde nicht weiter verwendet. Wie sang Westernhagen in den 80er Jahren: „Die Politik, dafür bin ich zu grün“. War Niehaus der konservativen Ministeriumsleitung um Norbert Röttgen etwa zu „grün“? So, wie die Anordnung jetzt gelaufen ist, ist es gut für die alten Energie-Konzerne: RWE arbeitet im Moment an einer Schadensersatzklage gegen den Bund und Hessen aufgrund der Stilllegung von Biblis mit einer Schadensersatzforderung von 235 Mio. EUR, die Forderungen aller Energiekonzerne werden im Moment mit 880 Mio. EUR veranschlagt.

Neben hohen Strompreisen, die wir als Verbraucher zahlen, müssen wir als Steuerzahler auch noch die Energie-Dinos entschädigen, weil diese vor der Stilllegung nicht angehört wurden. Kurzum wir zahlen für juristische Schlamperei, im besten Fall.

Anderenfalls wäre das politische Absicht mit dem Ziel, die Energiewende gegen die Wand zu fahren. Die EEG-Umlage wird aktuell von den Stromkunden finanziert und verteuert die Preise, während Großabnehmer einen Rabatt bekommen. Die Energiewende wird im Moment vom Verbraucher bezahlt, die Industrie hat keinen Nachteil. Beim Ausbau der Erneuerbaren wird inzwischen gebremst und die CSU betreibt Fundamentalopposition der CSU gegen Stromtrassen nach dem Sankt Florians Prinzip. Dabei sind die Stromtrassen entscheidend für ein Gelingen der Energiewende, aber mit diesem Themenfeld will Seehofer seine Kompetenz im Sichern bayrischer Interessen dokumentieren. Irgendwer muss die CSU ja alle fünf Jahre wählen.

Im Extremfall könnte man der Union eine sehr langfristige Strategie unterstellen, mit der die Energiewende gegen die Wand gefahren wird. Zumindest wirkt die Energiepolitik im Moment konzeptlos und unmotiviert und hauptsächlich von dem Seehofer’schen Populismus geprägt. Die FAZ überschreibt ihren Bericht zu Recht mit „Keiner will verantwortlich sein„: Röttgen stritt die Hauptverantwortung für das Desaster in der Anhörung des hessischen Landtags selbstverständlich ab. Nach seiner Lesart, sei die Stilllegung damals Ländersache gewesen und es wäre nicht seine Aufgabe gewesen, den Ländern den Weg zur Stilllegung aufzuzeigen. Nach mir die Sintflut, soll Parteikollegin Lucia Puttrich (auch CDU), die damals das hessische Umweltministerium leitete, das Desaster politisch ausbaden, schließlich will Röttgen irgendwann sein Comeback als Außenpolitiker erfolgreich zu Ende bringen. Ein Misserfolg würde da stören. Wie durchsichtig. Ähnlich äußerte sich auch Ronald Pofalla (auch mal CDU) vor dem Ausschuss, er macht ja jetzt in Transport und Logistik…

Diese Reaktion von Röttgen zeigt auch, wie sehr die Presse 2010/11 sich in Röttgen verschätzte. Man sah in ihm immer einen heimlichen Sympathisanten für einen Atomausstieg. Nach der Katastrophe von Fukushima durfte er dann endlich tätig werden und seine Pläne erfolgreich umsetzen. So der öffentliche Eindruck. Man sieht jetzt, wie zumindest mangelhaft die Arbeit von Röttgen war, es hakt vorne und hinten. Häufig macht sich eine überzeugende Politik auch an personalpolitischen Entscheidungen fest, so auch im Fall der „Stilllegung des grünnahen Experten Niehaus„. Eine für den Steuerzahler teure Fehlentscheidung!

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Neuer Straftatbestand: Fahrlässiges Handeln in Atomanlagen?

12. September 2010

Schließlich am Ende noch ein Gedanke, der etwas quergebürstet ist: Warum führen wir nicht einen Straftatbestand des „fahrlässigen Handelns in nuklearen Anlagen“ ein und versehen diesen mit sehr hohen Strafen – entsprechend den Schäden, die bei einem Unfall wie Tschernobyl entstehen bzw. bei anderen Anlagen hoffentlich nur „entstünden“?

Atomkraftwerk Grohnde

Atomkraftwerk Grohnde

Wenn Atomkraft so gut beherrschbar ist und kaum Schäden und Folgekosten (ich sage noch mal „Asse“) anrichtet, dann wäre ein solcher Straftatbestand folgenlos. Und ansonsten müssten Mitarbeiter in Atomanlagen besser für Ihr Risiko bezahlt werden und Manager überlegen sich dreimal, bevor sie das planlose Abkippen von Atommüll in ein Endlager – so geschehen in der Asse – anordnen.

5 Argumente gegen die Laufzeitverlängerung:

12. September 2010
Die meisten meiner Text sind recht ausführlich, insofern ist mein „Blog“ eher untypisch. Daher nochmal so kurz es geht meine Hauptargumente gegen den Atom-Deal:
  1. Die Kraftwerksbetreiber können nicht mit Risiko umgehen, (Siehe Krümmel und Asse), daher werden die Folgekosten und die Kosen der Nachrüstungen viel höher sein als jetzt erwartet. Die Verrechnung von Folgekosten und Brennelemente-Steuer ist daher abzulehnen.
  2. Die Regelung bedeutet Gewinne für 5 Energieriesen, die eigentlich Monopolisten sind und daher keine Veranlassung haben, Preise zu senken und in Erneuerbare Energien zu investieren. Das haben sie schon in der Vergangenheit nicht ausreichend getan.
  3. Der gesamte Deal ist intransparent und der Versuch, die Regelungen über die Regierungszeit hinaus festzuschreiben ist illegal.
  4. Die Regierung setzt das um, was die Konzerne gefordert haben. Der Begriff „Energiekonzept“ ist ein Witz, weil Merkel und Röttgen überhaupt nicht inhaltlich begründen, was sie anders machen wollen, warum ihr Konzept besonders vorteilhaft oder trickreich ist, und warum wir eine Laufzeitverlängerung brauchen. „Sicherheit“ hat nicht oberste Priorität und die Berechnung der Strommengen wurde im Rahmen eines Gefälligkeits-Gutachten berechnet. Dies ist Lobbypolitik und schädlich für die Demokratie.
  5. Viele Menschen haben auf den Atomausstieg von 2000 vertraut und fühlen sich hintergangen. Auch dies schadet dem Ansehen der Volksvertreter und der Demokratie.

Warum Deutschland zur Bananen-Republik verkommt – das Beispiel Atompolitik

11. September 2010

Ich habe die Faxen dicke, ich bin stinksauer, es reicht mir! Was diese Regierung veranstaltet zieht einem die Socken aus, das ist weder liberal noch wertkonservativ, das ist skandalös!

Über die abgesenkte Mehrwertsteuer bei Hotel-Übernachtungen braucht man kaum noch zu reden. Die FDP sprach davon, dass damals ihr „ordnungspolitischer Kompass nicht funktioniert“ habe (Lindner am 29.06.2010 im Spiegel), allerdings unternimmt man keinerlei Anstrengungen Fehler rückgängig zu machen. Alles leere Worte.

AKW Grohnde bei Hameln: Schöne Kulisse, bedenklicher Inhalt

AKW Grohnde bei Hameln: Schöne Kulisse, bedenklicher Inhalt

Auch zum Thema Ghostwriter aus der Pharma-Lobby ist in den letzten Tagen viel berichtet worden: die Pharma-Industrie sagt Rösler, was er in die Gesetze schreiben soll und er tut s einfach. Die FDP wollte Lohnnebenkosten senken, das tut Rösler, und zwar für die Privatversicherten.

Stichwort Atompolitik: Da schwadroniert der Umweltminister Röttgen monatelang von einer kurzen Laufzeit-Verlängerung, Atomkraft als „Brückentechnologie“ und so. Das Feuilleton sinniert über schwarzgrüne Signale von höchster Stelle, überbracht vom Umweltminister, geglaubt hat das im grünen Lager niemand. Und das zu Recht. Eine ganzseitige Zeitungsanzeige – vermutlich verknüpft mit diversen persönlichen Anrufen aus den Konzern-Zentralen im Kanzleramt – reichen aus, damit die Regierung sich zum Affen macht.

–       Die Laufzeiten der älteren Kernkraftwerke werden um 9 Jahre, die der jüngeren um 14 Jahre verlängert.

–       Die Regierung schließt um 5 Uhr morgens einen Geheimvertrag mit den 4 grossen Anlagenbetreibern (RWE, EON, Vattenfall, EnBW). Der wird dann erst veröffentlich, als die Medien bereits davon berichteten und hinterher schickt man Regierungssprecher Seibert vor, der behauptet, Transparenz sei der Regierung ein Anliegen. Wie gesagt, alles leere Worte. Viel Schall und Rauch aus den Kühltürmen

–       Inhalt: Es gibt eine Brennelemente Steuer, allerdings wenn die sicherheitstechnische Nachrüstung der Anlagen den Betrag von 500 Mio € übersteigt, so können die Betreiber diese Kosten mit der Steuer verrechnen. Gewinne privat, Verluste staatlich.

–       Die aktuellen Probebohrungen am Endlager Asse zeigen das ganze Desaster der vergangenen Atompolitik. Hier wird mit Dummies probegebohrt, weil es hochgefährlich ist und man im Grunde nicht weiss, wie man den Atommüll aus dem Betonummantelungen heraus bekommen soll. Daneben muss festgestellt werden, dass nicht 1.300 sondern 15.000 radioaktive Fässer dort gelagert wurden (NDR-Info vom 10.09.2010). Mal eben eine Zehnerpotenz, das ist eine gute Kulisse für die Regierungsentscheidungen der letzten Woche.

–       Die großen Energiekonzerne sollen die Gewinne in Erneuerbare Energien investieren, ob das passiert, bleibt Entscheidung der Konzerne.

–       Die Stadtwerke, die sich über den Atomausstieg und die politisch motivierte Förderung der Erneuerbaren verlassen haben, werden hierdurch benachteiligt.

–       Die Strompreise werden nicht sinken, das hat schon in der Vergangenheit nicht stattgefunden.

Windmühle in Ebergötzen: Regenerative Energiegewinnung

Windmühle in Ebergötzen: Regenerative Energiegewinnung


Ein Wort zur Verantwortung der Betreiber von Kernkraftwerken: Offenbar rechnet man damit, dass die Kosten für die Nachrüstung von 500 Mio. € überschreiten. Röttgen ging laut taz vom 11.09.2010 in seinen Vorüberlegungen für ein Energiekonzept von 1,2 Mrd. € aus. Das Verhalten der Konzerne verträgt sich nicht mit ethischer Unternehmensführung: Wenn mir ein Projekt zu teuer wird, dann sollte ich überlegen, ob ich in etwas anderes investiere. Aber den Staat bezahlen lassen, das passt nicht.

Ob es ethisch vertretbar ist, Atomanlagen über 2022 hinaus weiter zu betreiben, hängt vom Standpunkt des Individuums ab und wird von der Anti-Atom-Bewegung eindeutig verneint. Es gibt vermutlich nur wenig Experten in Deutschland, die kompetent zum tatsächlichen Risiko Auskunft geben können. Etwas anderes ist das wahrgenommene Risiko der Bürger, und hierzu gibt es Zahlen, die auf eine breite Ablehnung der Atomkraft hindeuten.

Ich habe nach dem Atomkompromiss von Schröder & Trittin viel mit Gorleben-Fahrern und radikalen Atomkraftgegnern (Xtausendmal quer und so) diskutiert, weil ich die Atomkraft auch kritisch sehe und für zu risikoreich halte, ich aber andererseits viel Sympathie für den rotgrünen Atomausstig hatte. Mein Argument war damals, dass der rotgrüne Atomausstieg ein Kompromiss ist und die Gesellschaft bei einem wichtigen Thema befriedet, weil beide Seiten ihre Interessen ein stückweit wahren. Mir wurde damals entgegnet, dass die Atomlobby den Ausstieg unter der nächsten Regierung ohnehin rückgäng machen würde und dass man deshalb die Transporte lahmlegen müsse, unabhängig vom rotgrünen Atomausstieg.

Heute muss ich sagen: Die Atomkraftgegner von damals hatten leider Recht. Es ist typisch, dass die CDU in Gutsherren-Art meint, die Republik gehöre ihnen und man könnte entscheiden und Geheimverträge mit den Konzernen schließen, wie man will, egal welche Entscheidungen die Vorgänger-Regierung gemacht hat. Regierungen anderer Couleur sind im Grunde nur Intermezzi, ein Betriebsunfall oder GAU an der Wahlurne sozusagen.

Atomausstieg von 2000 – gegessen. Auch die rotgrüne Regierung hat mit den Atomkonzernen eine Vereinbarung getroffen, die im übrigen vollständig transparent war. Dass sich CDU/FDP nicht an getroffene Entscheidungen halten, ist demokratie-feindlich und macht ein großes Fass auf. Das sich die grossen Stromkonzerne nicht an die Vereinbarung von 2000 gebunden fühlen, erstaunt nicht, allerdings sind die Stromkonzerne nicht die gewählten Volksvertreter sondern Monopolisten. Der rotgrüne Atomausstieg von 2000 war ein Versuch, das nächste mal müssen die Stromkabel gekappt werden.

Deutschland ist für viele Staaten der Erde ein Vorbild an Transparenz und Rechtstaatlichkeit. Hierzu gehört, dass das Parlament wichtige Entscheidungen trifft und dass die Regierungen nicht käuflich ist. Erst die Hoteliers, jetzt Atomkraftbetreiber und die Pharma-Unternehmen (darüber habe ich heute geschwiegen), das sieht alles sehr merkwürdig aus und hat mit den liberalen oder konservativen Wertvorstellungen nichts zu tun. Diese Regierung gehört nicht erst seit gestern abgewählt und hier sollten die Staatsanwaltschaften mal gründlich wegen Vorteilsnahme ermitteln.