Corona und Landwirtschaft: Was können wir aus der Krise lernen?

Im folgenden Meinungsbeitrag möchte ich fünf Hypothesen herausarbeiten, an welchen Stellen wir unter Umständen bereits aus dem bisherigen Verlauf der Corona-Krise und dem Lock-down etwas im Hinblick auf die Landwirtschaft und die Agrarpolitik lernen können. Die Diskussionen um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Landwirtschaft laufen bereits einige Wochen, seit Mitte März gibt es etwas mehr Informationen, allerdings bleiben wichtige Fragen weiterhin mit großer Unsicherheit behaftet. Trotzdem will ich einige Hypothesen präsentieren und Faktoren herausarbeiten, die Einfluss der Corona-Krise auf die Landwirtschaft entscheidend sein werde.

1. Die Landwirtschaft ist weniger betroffen als andere Sektoren.

Ich habe bereits in einem ersten Blogbeitrag herausgearbeitet, dass für die Erntesaison 2020 mehr als 50% der deutschen Ackerflächen bereits bestellt sind (siehe Lakners Kommentare vom 18.03.2020), im April konnten dann der größte Teil der Sommerkulturen bestellt werden. Wesentliche Inputs wurden von den Betrieben bereits vor der Corona-Krise eingelagert oder sind bei den Landhändlern zunächst vorrätig. Allerdings könnte es darauf ankommen, wie etwa die Lieferung von Düngemitteln oder Futtermittel über den Weltmarkt weiterhin funktioniert. Es wurde berichtet von Werksschließungen in China und es kam Lieferproblemen. In der Tierproduktion ist der internationale Handel etwas reduziert, so dass bei den Exportprodukten die Preise gesunken sind, was für die Milch zutrifft und eher die Krise auf dem deutschen und europäischen Milchmarkt verstärkt hat. Aber auch dieses Strukturproblem existiert auch unabhängig von der Corona-Krise und muss langfristig angegangen werden. Die Nachfrage nach Pommes Frites ist durch den Lockdown kurzfristig dramatisch zurück gegangen, da hier in Restaurants und Kantinen der größte Verbrauch ist, auch hier ist der Preis dramatisch eingebrochen. Ansonsten sind Lebensmittelpreise durch den Lockdown eher leicht angestiegen, allerdings ging die Nachfrage nach einigen Wochen zurück. Bisher war die Landwirtschaft insgesamt weniger betroffen, als dies zunächst zu vermuten gewesen wäre. Hierzu merkt Maximo Torero, Vize-Generaldirektor der FAO an, dass die Supply Chains sich in den nächsten Wochen und Monaten bewähren müssen:

Mittelfristig muss sich zeigen, wie robust der internationale Handel z.B. bei der Futterversorgung und die Lieferketten sind (siehe dazu auch PM der Rabobank aus dem April 2020). Kurzfristig gehört die Landwirtschaft wohl eher zu den Sektoren, die gut mit den Maßnahmen des Lock-Downs zu Recht kommt und dies ist im Sinne der Versorgungssicherheit auch gut und wichtig.

2. Internationaler Handel bleibt ein Schlüssel für Versorgungssicherheit

Bereits nach wenigen Wochen gab es in Foren oder von Seiten der Journalisten Aussagen, dass man doch angesichts der Corona-Krise stärker auf regionale Versorgung und kurze Lieferketten setzen sollte. Diese Aussage mag zwar aus Sicht der Konsumenten richtig sein, allerdings ist sie dann unabhängig von der Corona-Krise zu treffen. Ansonsten zeigt sich in der Krise eher, dass die landwirtschaftliche Produktion und die Lebensmittelversorgung komplex und international verflochten ist. Eine kürzlich veröffentlichte Studie in Nature Food zeigt, dass zwischen 11 und 28% der Weltbevölkerung aus dem direkten Umfeld von 100km versorgt werden können (siehe Kinnunen et al. 2019; Nature Food). Die Studie modelliert dieses Problem global und der Anteil schwankt sehr stark, trotzdem zeigt dies auch die Grenzen einer solchen Strategie, selbst wenn das Potenzial für eine regionale Versorgung nicht immer völlig ausgeschöpft ist. Es gibt Produkte, die in Deutschland nicht und nur während der Saison produziert werden können, insofern bleibt Deutschland von Importen abhängig. Des Weiteren hat sich im Dürrejahr 2018 eher gezeigt, dass sich massive Ertragseinbrüche (je nach Kultur zwischen 15-25%, vgl. unser Beitrag 2018 auf Agrardebatten.blog) kaum auf die Versorgungslage in Deutschland ausgewirkt hat (für Preisdaten siehe Lakners Kommentare vom 18.03.2020) Insofern kann man unabhängig von Corona fordern, dass Lieferwege kürzer sein sollen und dass regionale Produktion gestärkt werden soll.  Konsumenten können dies bei vorhandener Präferenz in ihrem Einkaufsverhalten durchaus umsetzen und Kantinen können entsprechend anbieten.

Die Rolle von Konsumentenverhalten: Während des Lockdowns haben zumindest Konsumenten ihr Einkaufs und Kochverhalten verändert und es stellt sich die Frage (so eine Studie von Gesa Busch und Kolleg*innen an der Uni Göttingen, vgl. auch das Interview von Busch im MDR), ob dieser Trend nach der Krise weitergeht. Gleichwohl werden wir auch in Zukunft auf die Versorgung über den internationalen Handel angewiesen sein, selbst wenn sich Konsumenten in Zukunft anders verhalten und vielleicht stärker regionale Produkte nachfragen. In Krisensituationen erfolgt der Ausgleich von Angebot und Nachfrage über den Handel.

Die Rollen von Export-Restriktionen: Geht man davon aus, dass es noch viele Monate dauern wird, bis in größeren Mengen Impfstoffe gegen Covid-19 verfügbar sind oder eine erfolgreiche Therapie gefunden wurde, dann kommt es darauf an, dass internationaler Handel funktioniert. Es wird auch darauf ankommen, dass Agrar-Exportnationen keine Exportsteuern oder andere Beschränkungen verhängen, wie etwa in der Agrarkrise 2006-08. Dies betrifft speziell Russland und die Ukraine beim Getreide oder Vietnam beim Reis, um zwei Beispiele zu nennen. Selbst wenn Deutschland in einigen Märkten Netto-Exporteur ist, ist es wichtig, dass Handel funktioniert, sowohl beim Import als auch Export.

3. Die Saisonarbeitskräfte bleiben ein wichtiger Bestandteil der Agrarproduktion

Eine wichtige Erkenntnis hat Corona bereits gebracht, nämlich die Bedeutung von Saisonarbeitskräften aus dem europäischen Ausland für die deutsche Agrarproduktion. In Deutschland werden etwa 10% der Arbeitszeit durch Saisonarbeitskräfte abgedeckt, in anderen EU-Staaten wie Spanien und Italien mit viel Obst und Gemüseproduktion macht deren Arbeitsoutput sogar 17% und 18% aus.

Die Bundesregierung schloss Anfang April zunächst die Grenzen, um dann Mitte April unter Federführung des BMEL ankündigte, dass Saisonarbeitskräfte doch reisen könnten, wenn bestimmte Hygiene-Regeln eingehalten würden. Allerdings wurde schnell bezweifelt, dass diese Regeln bei der Einreise immer befolgt würden (vgl. taz vom 02.04.2020), oder auf den Betrieben in Einzelfällen nicht richtig umgesetzt wurden (vgl. Tagesschau 23.04.2020). Es folgte eine recht emotionale Diskussion, die dem Ansehen der Landwirtschaft geschadet hat, da unklar war, wie die Unterbringungen ausgestaltet sind.

Und wie bereits im März vermutete, traf es irgendwann auch die Riesenschlachtereien: So wurden Anfang Mai auf zwei großen Schlachthöfen größere Krankheitsausbrüche festgestellt (am 08.05.2020 in Coesfeld, NRW oder Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein, vgl. Tagesschau am 9.5.2020). Die Reaktion der Fleischindustrie besteht derweil in einer Warnung vor zu strengen Vorgaben (siehe Süddeutsche Zeitung vom 11.04.2020), was angesichts der Krankheitsverläufe zumindest diskussionswürdig erscheint und auf wenig Problembewusstsein hindeutet. Und auch diese Art der Reaktion kann der Landwirtschaft und dem Agribusiness insgesamt Schaden. Es zeigt, wie sehr auch hier ein Umdenken notwendig ist.

Insgesamt zeigt sich in der Krise auch, dass dieses Politikfeld, nämlich die Situation angestellten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft über viele Jahre brach geblieben ist. Dies erscheint geradezu absurd, da die Agrarpolitik an vielen Enden beansprucht eine Sozialpolitik zu sein. Man beachte hierzu, dass etwa der größte Anteil der nationalen Agrarausgaben in Deutschland (2018 insg. 3,8 Mrd. EUR) für Agrarsozialpolitik (u.a. für Alterssicherung, Krankenversicherung, Unfallversicherung) getätigt wird (siehe dazu Agrarbericht 2019: S.88).

Agrarsozialpolitik2018

Gleichwohl ist bisher nicht bekannt, aus welchen Ländern die Saisonarbeitskräfte kommen. Daneben wird immer wieder berichtet, dass Saisonarbeitskräfte z.B. die Pässe bei ihrem Aufenthalt abgenommen werden oder dass hohe Kosten für Unterbringung und Verpflegung vom Lohn abgezogen werden. Andererseits gibt es einzelne Betriebsleiter, die sich in der Corona-Krise für die Situation ihrer Arbeitskräfte einsetzten, insofern betreffen die Missstände (wie so häufig) nur einzelne Betriebe, aber die Vorgänge färben im schlechtesten Fall auf den gesamten Berufsstand ab.

Eine Folge der Corona-Krise könnte sein, dass das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das Thema stärker in den Mittelpunkt der Politik rückt. Die Kontrolle der Arbeitsbedingungen durch die zuständigen Behörden könnten strenger durchgeführt werden, damit nicht einzelne schwarze Schafe das Ansehen des gesamten Sektors beschädigen, denn viele Betriebe gehen gut mit ihren Saisonarbeitskräften um.

Das Bundeskabinett hat daher am 20.Mai 2020 (siehe Süddeutsche Zeitung vom 20.05.2020) beschlossen, Werkverträge auf Schlachthöfen ab Januar 2021 zu verbieten, insofern hat die Corona-Krise bereits zu einer maßgeblichen Veränderung im Sektor geführt.

Die Schlussfolgerung, dass diese Form der Saisonarbeit schädlich ist, wäre dagegen völlig falsch und überzogen. Die Saisonarbeitskräfte profitieren vom deutlich höheren Lohnniveau in Deutschland, so dass in den typischen 6-7 Wochen Aufenthalt in Deutschland ein wichtiger Teil des Jahreslohns erwirtschaftet wird. Gemessen an den Verdienstmöglichkeiten in osteuropäischen Staaten wie Rumänien oder Polen wird die Saisonarbeit in Deutschland auch als Chance wahrgenommen. Und die Betriebe sind häufig sehr zufrieden, da die Qualität der Arbeitserledigung gut ist und die Saisonarbeitskräfte im besten Fall viele Jahre auf den gleichen Betrieben arbeiten. Die Freizügigkeit von Arbeitskräften innerhalb der EU ist insofern für diese Herausforderung die richtige Antwort. Die Corona-Krise könnte im besten Fall auch dazu führen, dass das Thema Umgang und Bezahlung von Saisonarbeitskräften mehr Aufmerksamkeit erfährt, da auch angestellte Arbeitskräfte eine wichtige Funktion in der Landwirtschaft ausüben.

4. In den nächsten Monaten können Preiseffekte nach oben und unten auftreten

Nachdem gesagt wurde, dass die landwirtschaftliche Produktion selbst eher wenig betroffen ist, bedeutet dies nicht, dass es nicht zu Preiseffekten kommen kann. Dies betrifft zwei Richtungen:

1) Preiserhöhungen sind in Produktbereichen zu erwarten, in denen Saisonarbeitskräfte arbeiten. Allerdings dürfte dies nur der Fall sein, wenn die Angebotsmenge wirklich knapp ist und der Handel höhere Preise wirklich weitergeben muss. Ansonsten bleiben höhere Kosten bei den Produzenten in Landwirtschaft und Gartenbau. Aber bisher ist unklar, in welche Richtung sich die Preise entwickeln.

Die folgende Grafik zeigt (basierend auf Preisbeobachtungen der Agrarmarktinformation mbH) die Entwicklung der Abgabepreise der Erzeugerpreise im Gemüseanbau bis zur 20 Kalenderwoche (13.05.2020), alle Preise sind ohne Umsatzsteuer:

Gemüsepreise2019-2020a

In der traditionell sehr kurzen Spargelsaison ging es auf sehr hohem Niveau los, allerdings könnte hier der Zuzug Saisonarbeitskräfte im April positiv gewirkt haben, denn inzwischen sind die Preise auf ein typisches Preisniveau gefallen, wenn auch leicht überdurchschnittlich. Ähnlich könnte man die Entwicklung der Preise für Freiland-Salat und Radies bezeichnen. Hier kommt hinzu, dass die Witterung im März (zu trocken) und April (kühl) nicht optimal war. Bei Salatgurken ist das Preisniveau inzwischen auf Vorjahresniveau, insofern hat sich die Situation preislich normalisiert. Allerdings sind zu Beginn einer Saison immer hohe Preis zu beobachten, insofern muss sich zeigen, wie sehr sich Preis noch nach unten bewegen.

Interessant könnte in den nächsten Wochen die Preisentwicklung bei den Erdbeeren sein, allerdings war der Witterungsverlauf der letzten Wochen hier auch nicht optimal.

Insgesamt waren die Preisausschläge zu Beginn der Saison deutlich, allerdings sind die meisten Preise gefallen und nähern sich einen durchschnittlichen Niveau an. Insofern bleibt abzuwarten, ob wir dieses Jahr wirklich höhere Preise für Gemüse und Obst beobachten können. Und manches kann evtl. auch auf die nicht ganz günstige Witterung zurück zu führen sein.

2) Preiseinbrüche sind dagegen eher zu beobachten, wenn das nationale und internationale Handelsgeschehen ins Stocken gerät und die Nachfrage einbricht.

Dies konnte in drei Fällen beobachtet werden

  • Die Nachfrage nach Pommes Frites ist durch die Schließung der Restaurants eingebrochen und hier wurden teilweise Lieferverträge mit den Kartoffelproduzenten gekündigt, da die Mengen nicht mehr abgesetzt werden können
  • Einige Schlachthöfe (Coesfeld und Bad Bramstedt, s.o.) mussten geschlossen werden, weshalb der Preis für Schweinefleisch eingebrochen ist, da die Schlachthöfe die Tiere nicht mehr abnehmen konnten.
  • Der Export von Agrarrohstoffen wurde durch den Lockdown erschwert, weshalb auch die Absatzmengen zurückgegangen sind. Auch hier können Rohstoffe nicht abgesetzt werden, weshalb auch bei Milch, Rind- und Schweinefleisch ein Preisrückgang erwartet werden kann.

Es ist ggf. unklar, ob diese Markttendenzen sich fortsetzen oder ob z.B. die Wiedereröffnung der Schlachthöfe mittelfristig wieder für stabilere Preise sorgen wird. Trotzdem ist die Landwirtschaft auch hier betroffen. Allerdings ist dies auch Teil des normalen Marktgeschehens, insofern wären hier eher der Lebensmittelkonzerne gefragt, durch günstige Lieferbedingungen und Zahlungsmodi die Probleme der landwirtschaftlichen Betriebe etwas abzumildern.

Die größere Herausforderung besteht hierbei darin, Die Handelsbeziehungen und Lieferbedingungen zwischen der Landwirtschaft und den Lebensmittelunternehmen so zu gestalten, dass sie in Zukunft für ähnliche Situationen krisenfest sind. Allerdings muss auch festgehalten werden, dass zumindest in Deutschland die Versorgung (abgesehen von lokalen Knappheiten) recht stabil war. Es wäre eher zu fragen, wie man in Zukunft vermeiden kann, dass die Kosten der Krise alleine bei den Produzenten bleiben und hierzu wären das Überdenken von Lieferbedingungen notwendig.

5. Die großen Herausforderungen für die Agrarpolitik bleiben

Die großen Umweltherausforderungen für die Landwirtschaft bleiben trotz der Corona-Krise erhalten. Im März und vor allem im April viel in Deutschland erneut kaum Niederschlag, so dass die Bestellung der Sommerkulturen häufig weithin durch Staubwolken sichtbar war, so dass bereits Mitte April ein weiterer Dürresommer befürchtet wurde (vgl. Tagesschau 17.04.2020).

Auch zum Thema Biodiversität erschien im April eine weitere Meta-Analyse im Magazin Science (siehe van Klink et al. in Science 24.04.2020), die Ergebnisse verschiedener Studien zusammentrug. Kernergebnis war, dass Landinsekten abnehmen, über eine Dekade um etwa 9%. Dies erscheint zwar weniger als z.B. in der Krefeld-Studie (Hallmann et al. 2017, PLOS ONE) oder in Seibold et al. (Studie der TU-München in Nature von 30.10.2019), allerdings ist die Gruppe der Landinsekten auch größer und unspezifischer definiert, als die inhaltlich und regional recht spezifischen Insektenarten in den beiden anderen Untersuchungen. Die Erkenntnis, dass gleichzeitig Wasserinsekten (+11% über eine Dekade) zunehmen wurde dann auch sofort von einigen Agrarexperten als „gute Botschaft“ interpretiert, also ob man das Land- und Wasserinsekten austauschen könnte. Landinsekten füllen in ihren Ökosystemen bestimmten Funktionen aus, so dass die Ergebnisse dieser Studie ebenfalls Sorge bereiten sollten, zumal sich zeigt, dass der Rückgang in fast allen Kontinenten anzutreffen ist. Insofern geht auch die Biodiversitätskrise unvermindert weiter.

Die Agrarpolitik könnte und sollte auf diese Krise reagieren, denn bisher sind die Umweltmaßnahmen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) wenig effektiv und für die Landwirte häufig finanziell unattraktiv und zu kompliziert. Eigentlich hätte die erste Jahreshälfte 2020 dazu dienen sollen, die finale Entscheidungsphase für die Entscheidung der GAP-Reform 2021-2027 sein sollen. Im Parlament fanden im Januar und Februar in den Fraktionen die Positionsbildung statt, im Rat war bereits 2019 deutlich, dass von den Mitgliedsstaaten wenig Reformeifer zu erwarten war. Neu an der Situation war die Position der neuen EU Kommission unter der Führung von EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihrem Vize Frans Timmermans: Die neue Kommission kündigte im November 2019 an, mit dem sog. Green Deal die stärkere Ausrichtung der EU auf den Klimaschutz und die Förderung neuer klimafreundlicher Technologien an. Die neu Farm-to-Fork-Strategie sollte die Ausrichtung der Agrarpolitik auf dieses Ziel fördern.

Und doch versuchte der Europäische Bauernverband (Copa/Cogeca) einiges, um die Farm-to-Fork-Strategie zu verhindern, mit der Begründung, man habe es bei der Corona-Krise mit einer großen Agrarkrise zu tun. Die Europäische Volkspartei schloss sich dieser Richtung an und forderte eine Verschiebung von Umweltregeln (EPP: https://www.eppgroup.eu/newsroom/news/postpone-new-rules-for-farmers-during-coronavirus-pandemic ). “The entire agriculture sector is heavily affected by the spread of the coronavirus, but the wine sector and the fresh product sector suffer the most.” Dies ist eine Aussage, die inhaltlich (wie oben dargelegt) kaum belegbar ist. Trotzdem forderte die EPP eine Verschiebung der Farm-to-Fork-Strategie.

Auch der deutsche Bauerverband forderte eine Verschiebung der Düngeverordnung. Die Novellierung der Düngeverordnung wurde im März 2019 beschlossen, ist jedoch fachlich umstritten und viele Landwirte haben im Herbst 2019 wegen dieser Änderung demonstriert. Allerdings brachte der Präsident des DBV Joachim Ruckwied den Zusammenhang mit der Corona-Krise ins Spiel. Man stehe ja in der Krise für „Versorgungsicherheit“ und brauche daher Unterstützung (siehe Pressemitteilung des DBV vom 24.03.2020). Der Zusammenhang zwischen der Umsetzung der Düngeverordnung und der Corona-Krise erscheint erneut merkwürdig, selbst wenn man die Novellierung der Düngeverordnung aus fachlichen Gründen kritisch sieht.

Beide Beispiele zeigen, dass der Bauernverband die Krise nutzt, um eigene Interessen zu artikulieren, statt inhaltlich auf die Sachverhalte Bezug zu nehmen. Frans Timmermans hat deutlich gemacht, dass er sich eine zielgerichtete GAP vorstellt und für eine deutliche Reform plädiert:

Die EU-Kommission hat inzwischen die Farm-to-Form-Strategie veröffentlicht, dazu auch eine Biodiversitäts-Strategie mit deutlichen Links zur Agrarpolitik. Kommissionsvize Frans Timmermans hat einige wichtige Kritikpunkte an der GAP aufgegriffen und sich zu eigen gemacht. Die Offenheit gegenüber der Kritik aus der Wissenschaft kann als gutes Zeichen gewertet werden, ich werde dazu demnächst mehr schreiben.

Es bliebt spannend, wie sich Parlament und Rat in den nächsten Wochen beim Mehrjährigen Finanzrahmen (MFF) 2021-2027 und bei der GAP-Reform einigen und welche Rolle hierbei der Green Deal und die Farm-to-Fork-Strategie haben wird. Allerdings erscheint es sinnvoll, neben den eher moderaten Auswirkungen von Corona auf die Landwirtschaft vor allem die zwei anderen globalen Krisen (Klima und Biodiversität) im Blick zu haben und eine umweltfreundliche Agrarproduktion sehr viel gezielter zu fördern. Die Corona-Krise könnte umgekehrt dazu genutzt werden, bei der Krisenhilfe vor allem Produktionssysteme zu fördern, die den Anforderungen der Nachhaltigkeit gerecht werden. Es ist auch klar, dass der Widerstand vor allem aus den Bereichen kommt, die bei den Anforderungen des Green Deals und der Farm-to-Fork-Strategie Probleme bekommen. Es kommt am Ende auf die Klugheit der agrarpolitischen Entscheider in Brüssel an, ob wir angesichts der Krise rückwärtsgewandte Entscheidungen treffen, oder ob wir die Krise für eine nachhaltigere Landwirtschaftspolitik nutzen.

Schlagwörter: , , , , , ,

2 Antworten to “Corona und Landwirtschaft: Was können wir aus der Krise lernen?”

  1. Bartosz Bartkowski Says:

    Was mir bei der Lektüre deines Beitrags auffiel: das Saisonarbeiter*innen-Modell ist insofern nicht nachhaltig, als es nur solange funktionieren kann, wie es andere Länder gibt, in denen das Lohnniveau systematisch und recht deutlich niedriger ist – andernfalls wäre es sicherlich nicht attraktiv, die Reise und die Arbeitsbedingungen auf sich zu nehmen, um zu einem Lohn zu arbeiten, der für die meisten Deutschen nicht interessant ist. Unter der Annahme also, dass die Konvergenz in der EU irgendwann erfolgreich sein sollte (was zumindest als politisches Ziel ja eher unumstritten ist) – was dann? Wer erntet dann „unseren“ Spargel und „unsere“ Erdbeeren? Die Produkte dürften dann deutlich teurer werden – so teuer vielleicht, dass Substitution durch Maschinen plötzlich relevant werden könnte…

    Gefällt 1 Person

  2. Sebastian Lakner Says:

    Das ist genau der Punkt: Die Lohndifferenz zwischen Polen und Deutschland ist in den letzten 10 Jahren kleiner geworden, weshalb viele Saisonarbeiter inzwischen aus Rumänien kommen, während Polen zu Hause inzwischen auch gut verdienen können.

    Die Krise hätte eine Chance sein können, diesen Strukturwandel zumindest mal etwas auszuprobieren und mit deutschen Arbeitskräften zu arbeiten – das ist schwierig und das hatten wir Ende der 2000er Jahre schonmal und es ist im Grunde gescheitert. Trotzdem wäre es einen Versuch wert gewesen, aber das BMEL wollte lieber den Status Quo erhalten.

    Andererseits kann es sein, dass man die deutlich sinkenden Preisen oben eben mit dem Eintreffen der Saisonarbeitskräfte im April erklären kann. Wir haben uns 2018 mal die Differenzen der Kaufkraft zu Bulgarien angesehen, das war schon noch deutlich. Das ist von 61 (2007) auf 70 (2013) angestiegen, dann hat sich Anstieg verlangsamt. Insofern dürfte es etwas dauern, bis sich diese Differenz schließt.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: