Insektenschutz in Agrarlandschaften: Schlussfolgerungen für Politik und Forschung?

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, welche offenen Fragen und Schlussfolgerungen man sowohl für die Politik als auch für die Forschung ziehen kann. Wir haben in GAIA einen Artikel geschrieben, der im Dezember 2019 erschienen ist, in dem wir der Frage nachgehen, welche Schlüsse sich aus dem Insektenrückgang für eine politikrelevante Forschung ziehen lassen? Und welche Schlüsse lassen sich für die Agrarpolitik ziehen? Der Blogbeitrag versucht eine Systematisierung der Treiber und stellt einige Fragen zum Insektenschutz.

Schachbrett2

Schachbrettfalter, gesehen in Ost-Thüringen

Der Rückgang der Biodiversität ist inzwischen hinreichend belegt

Der erste Schritt zur Bewältigung einer Krise besteht darin, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Der Rückgang der Biodiversität lässt sich vielfältig belegen. Die Studie der TU München (Seibold et al. 2019) belegt auf 150 Grünland-Flächen und 140 Forstflächen, dass die Biomasse, Vorkommen und Anzahl von Arthropoden (Gliederfüßler) zwischen 2008 und 2017 um 67%, 78% und 34% zurückgegangen ist. Eine gute Zusammenfassung wurde von der Pressestelle der TU München bereit gestellt. Die untersuchten Standorte der Studie bestehen aus den sog. „Biodiversitäts-Exploratorien“, die im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg, im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Biosphärengebiet Schwäbische Alb in Baden-Württemberg liegen. Die Exploratorien wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichtet. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Krefelder Studie (Hallmann et al. 2017), die deutschlandweit in verschiedenen Naturschutzgebieten die Insektenbiomasse gemessen und einen Rückgang der Insekten-Biomasse von 75% von 1989 bis 2016 festgestellt hatten. Allerdings war der Datensatz recht ungleich verteilt, so dass die Ergebnisse lediglich einen groben Hinweis geben können. Andere Studien oder Indikatoren zeigen jedoch in die gleiche Richtung und die Studie der TU München bestätigt das Ergebnis der Krefelder Entomologen.

Allerdings hat die Studie der TU München auch Landnutzungsparameter und Landschaftsvielfalt mit erhoben und die Ergebnisse zum Artenrückgang sind um Landnutzungsparameter und Landschaftsvielfalt korrigiert, was gegenüber der Krefelder Studie ein Fortschritt ist. Die Landnutzungsintensität im Grünland hängt mit dem Insektenrückgang zusammen, allerdings besteht hier weiterhin Forschungsbedarf, da die genauen Mechanismen, wie Landnutzung und die damit einhergehende spezifischen Anbaupraktiken zum Rückgang führen nur unscharf dargestellt. Hierzu gibt es andererseits zahlreiche Einzelstudien, insofern wäre es falsch zu glauben, die Wirkungsmechanismen seien nicht bekannt.

Direkte Einflussfaktoren auf die Biodiversität im Agrarraum

Der zweite Schritt besteht darin, die möglichen Einflussfaktoren des Biodiversitätsrückgang zu identifizieren. Hierzu haben wir in der 2019 einen Artikel in der Zeitschrift GAIA (Mupepele et al. 2019) geschrieben, der mögliche Treiber Insektenvielfalt und des Artenrückgangs beschreibt. Aus theoretischer Sicht haben wir überlegt, wie landwirtschaftliche Produktion und das Vorkommen von Insekten zusammenhängen könnten. Die folgende Grafik stellt mögliche Einflussfaktoren auf die Artenvielfalt dar:

Rahmen für Agrarproduktion4 deutsch

In der Grafik wurde ein Mix aus der Theorie der Ökosystemleistungen und der landwirtschaftlichen Produktionstheorie gewählt.

1) Im Zentrum steht die Landnutzung, die primär zur Erzeugung von Agrarrohstoffen dient. Durch die Verarbeitung entstehen hauptsächlich pflanzliche und tierische Lebensmittel. Dieser Aspekt erscheint besonders vor dem Hintergrund des globalen Bevölkerungswachstums wichtig: Bis 2050 wird erwartet, dass die Weltbevölkerung auf 10 Mrd. Menschen anwächst. Seit 1990 konnte die Zahl der Hungernden weltweit reduziert werden, allerdings ist die globale Agrarproduktion seit 2005 knapp, da z.B. bei Getreide die Lagerbestände in Europa und China reduziert wurden. Des Weiteren gab es einige Jahre, in denen die weltweite Nachfrage die Produktion überstieg.

Das Argument der globalen Ernährungssicherung verdeutlicht, dass Insektenschutz sich im Spannungsfeld zwischen der Nachfrage nach Agrargütern und einer nachhaltigeren Produktion bewegt. Die Freiheitsgrade für eine biodiversitätsfreundliche Politik sind nicht unendlich groß, da landwirtschaftlicher Boden in Deutschland knapp ist und die Betriebe einzelbetrieblich einen geringen Spielraum haben, um Flächen für den Naturschutz bereitzustellen.

Allerdings wird das Ernährungsargument häufig als Totschlag-Argument gegenüber jeglichen Bemühungen für den Umweltschutz verwendet. Eine globale Strategie gegen Nahrungsmittelknappheit muss auch auf eine nachhaltige Nutzung von Ökosystemen abstellen, wovon eine insektenfreundliche Bewirtschaftung ein wichtiges Element ist. Ein Papier von Beckmann et al. (2019) zeigt, dass die globale Intensivierung von Landnutzung zu einem Rückgang der Artenvielfalt führt. Wenn Ökosysteme andererseits gut funktionieren, dann sinkt etwa die Gefahr von deutlichen Missernten, insofern schließt sich beide Ziele nicht aus, sondern die Biodiversität ist die Voraussetzung für sichere Ernten der Zukunft.

2) Ein weiterer direkter Treiber für das Vorkommen von Insektenpopulationen sind die landwirtschaftsnahen Habitate. Grasstreifen, Gräben, Hecken, Baumgruppen, Einzelbäume oder andere Randstrukturen sind Lebensräume für Insekten (und andere Lebewesen). Die Qualität, Größe und Häufigkeit dieser Habitate bestimmt die Insektenpopulationen. Laut einer neuen Meta-Studie von Sanchez-Baez und Wyckhuys (2019) werden Habitat-Veränderungen als am häufigsten identifizierter Einflussfaktor genannt. Auch Pflanzenschutz und Düngung werden genannt (unter Pollution), allerdings weniger häufig.

Driver_Decline

Treiber des Artenrückgangs (Sánchez-Bayo & Wyckhuys 2019)

Landwirtschaftsnahe Habitate werden teilweise über die Förderung der Agrarumweltprogramme und über das Greening gefördert. Hierbei gibt es Modelle, die funktionieren – so konnte zumindest der Anteil der Brache durch die Einführung des Greenings erhöht werden, wenn auch auf einem unzureichenden Niveau. Andere Agrarumweltprogramme funktionieren, aber auch diese machen eine verschwindenden Anteil an der Gesamtfläche aus. Aber gerade was die Anlage von Hecken und Landschaftselementen angeht, besteht Verbesserungsbedarf. Niedersachsen bietet z.B. ein Förderprogramm für die Anlage und Pflege von Hecken an, das leider kaum genutzt wird. Dies hat ökonomische Gründe, insofern müssen die Programme in dieser Hinsicht verbessert werden, allerdings ist hier auch ein Umdenken gefordert.

AusgeräumteLandschaft

Ein strukturarmer Acker in Ost-Thüringen

Bilder wie dieses mit einem strukturarmen Acker in Ost-Thüringen zeigen zunächst ein Strukturdefizit in Ostdeutschland auf. Andererseits gibt es in diesem Umfeld dieses Ackers, wenige Kilometer entfernt auch extensives Grünland und Landschaftselemente, in denen man z.B. den Schachbrettfalter (zu sehen auf dem Bild oben) findet. Insofern ist die Diskussion manchmal einseitig. Auch in Westdeutschland gibt es solche Strukturdefizite und die Frage, wie eine insektenfreundliche Landschaft gestaltet werden sollte, kann man nur regional spezifisch beantworten.

Indirekte Einflussfaktoren auf die Biodiversität im Agrarraum

Das Vorkommen und die Vielfalt von Insekten werden durch eine Reihe von indirekten Faktoren beeinflusst:

1) Die internationalen Märkte und die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, aber auch die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Inputs oder Futtermitteln führen zu einer effizienten Agrarproduktion, die in Deutschland die knappe Ressource Boden – dies kann im Einzelfall dazu führen, dass etwa Grass- oder Randstreifen am Rand von Äckern verkleinert oder wegrationalisiert werden.

2) Agrarpolitische und rechtliche Rahmenbedingungen setzen der Produktion grenzen und definieren über die gute fachliche Praxis oder das EU-Förderrecht, was möglich ist. Das Pflanzenschutzrecht regelt z.B. die Frage, wie stark die Betriebe bis an den Rand von Äckern Pflanzenschutzmittel ausbringen dürfen.

3) Die Gesellschaft misst der landwirtschaftlichen Produktion, aber auch der Biodiversität einen bestimmten Wert zu und erwartet vom Agrarsektor ein bestimmtes Verhalten (– ob berechtigt oder nicht). Andererseits haben Landwirte ein bestimmtes Selbstverständnis und eine Präferenz für die eigene Produktion oder den Erhalt von Biodiversität. Die Zivilgesellschaft, NGOs oder Berufsverbände nehmen über die Medien Einfluss auf landwirtschaftsrelevante Gesetzgebung. Gerade in der Art, wie wir über Biodiversität nachdenken, liegt der Schlüssel für eine insektenfreundlichere Landwirtschaft.

Offene Fragen für eine politikrelevante Forschung

Schließlich haben wir einige Fragestellungen zusammengetragen, bei denen wir Forschungsbedarf sehen. Hierbei beziehen sich eine Reihe von Fragen auf die direkten Treiber, wie etwa die Auswirkungen von Managementpraktiken auf die Insekten oder eine präzisere Erfassung der Wirkung verschiedenere Pflanzenschutzmittel auf die Zusammensetzung von Insektengemeinschaften.

  1. Wie können wir Transformationsprozesse innerhalb der Industriegesellschaften zu einem nachhaltigeren Landwirtschafts- und Wirtschaftssystem organisieren, bei dem externe Effekte in den regulären Markt eingepreist werden?
  2. Wie können wir die effektivsten Hebelpunkte identifizieren, um ein System natürlicher und sozialer Komponenten in ein nachhaltigeres System umzuwandeln?
  3. Wie beeinflussen sich verschiedene Akteure wie Landwirte, Verbraucher und die Zivilgesellschaft gegenseitig in ihren direkten oder indirekten Auswirkungen auf die Insektenpopulationen?
  4. Wie können wir gemeinsame Aktionen zwischen Landwirten und Bürgern organisieren oder unterstützen, beispielsweise durch eine von der Gemeinde unterstützte Landwirtschaft, die auch biodiversitätsfreundliche Systeme unterstützen kann?
  5. Wie führen politische Maßnahmen, einschließlich Anreize (Subventionen) und Verpflichtungen (Vorschriften), zu Veränderungen in Insektengemeinschaften?
  6. Wie wirken sich die neuen Maßnahmen der GAP nach 2020 (wie Eco-Schemes oder Konditionalität) aus, die das Greening der Direktzahlungen ersetzen, auf den Insektenschutz aus?
  7. Wie kann die Verbindung zwischen Anreizsystemen und Erhaltungszielen verbessert werden, während gleichzeitig die intrinsische Motivation der Landwirte berücksichtigt und Raum gelassen wird?
  8. Wie kann die Agrarpolitik Anreize für eine Diversifizierung der landwirtschaftlichen Betriebe hinsichtlich der Bereitstellung von Biodiversität als regelmäßigem Bestandteil ihres Geschäfts schaffen und Investitionen in landwirtschaftliche Ressourcen (Arbeitskräfte, Maschinen, Land) unterstützen, die für eine solche Diversifizierung erforderlich sind?
    (aus Mupeplele et al. 2019)

Bei den indirekten Treibern stellt sich die Frage, inwieweit ein Transformationsprozess organisiert werden kann, der eine insektenfreundlichere Bewirtschaftung möglich macht. Diese Frage erscheint vor allem im Hinblick auf den Protest der Landwirte gegen das sog. Agrarpaket der Bundesregierung entscheidend. Die Förderprogramme sollten so ausgestaltet sein, dass die Betriebe freiwillig daran teilnehmen können und ökonomisch einen Vorteil erzielen können.

Im Rahmen der Agrarumweltprogramme existieren solche Fördermöglichkeiten, allerdings ist hier noch viel Luft nach oben, da viele Programme sehr kompliziert und administrativ aufwendig sind. Andererseits laufen viele Diskussionen im Moment in die Richtung einer Verankerung im Ordnungsrecht oder der sog. Konditionalität. Dies wird von Seiten der Landwirtschaft zu Recht kritisiert. Engagierter Insektenschutz funktioniert nur, wenn er freiwillig und (wie oben skizziert) mit instrinsischer Motivation betrieben wird. Dies sollte bei der Implementierung der GAP-Reform stärker berücksichtigt werden.

Ein wichtiger Ansatz besteht in einer Diversifizierung von Agrarbetrieben nach dem Leitbild eines „Betriebszweiges Naturschutz“. Hierbei wird Naturschutz auf den Betrieben gleichberechtigt mit anderen Produktionszweigen umgesetzt und inhaltlich akzeptiert. Dies bedeutet einerseits, dass Betriebe bei der Deckung der Kosten Planungssicherheit benötigen und dass vor allem auch Investitionsmöglichkeiten existieren. Des Weiteren sollten Prämien mit einem Gewinnaufschlag versehen werden, da ein Anreiz zur Teilnahme fehlt. Des weiteren können Betriebe ohne einen Gewinnaufschlag nicht investieren. Wenn etwa steiles Naturschutz-Grünland bewirtschaftet werden sollen, dann ist die Investition in einen Hangschlepper notwendig, was basierend auf den aktuellen Prämien nicht möglich ist. Manche Bundesländer bieten hierzu Investitionshilfen an, aber eben keineswegs alle.

Im Insekten-Aktionsprogramm der Bundesregierung ist dieser Punkt tatsächlich berücksichtigt: „Angemessene Entlohnung von Landwirtinnen und Landwirten für die freiwillige Bereitstellung und Bewirtschaftung von Flächen für den Biodiversitätsschutz, z.B. bei Verzicht des Einsatzes von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln“ (BMEL 2019: Aktionsprogramm Insektenschutz, S.14/15). Das Aktionsprogramm des BMEL spricht hier genau den richtigen Punkt an, allerdings ist von dieser Erkenntnis in der agrarpolitischen Praxis bisher wenig umgesetzt. Das Aktionsprogramm des BMEL erscheint insgesamt recht interessant, allerdings kommt es auf die konkrete Umsetzung in der Agrar- und Naturschutzpolitik an, wo bisher noch zu wenig getan wird.

Eine genauere Analyse des Aktionsprogramms für Insektenschutz folgt hier ggf. demnächst. Auch zum Volksbegehren zum Insektenschutz in Niedersachsen gäbe es eigentlich einiges zu sagen, da hier einige Forderungen im Raum stehen, die kaum zum Thema Insektenschutz beitragen. Aber dazu müssten die Akteure transparent machen, was sie vorhaben.

Fragen und Kommentare gerne unten.

Quelle:

Mupepele, A.-C., K. Böhning-Gaese, S. Lakner, T. Plieninger, N. Schoof, A.-M. Klein (2019): Insect conservation in agricultural landscapes – An outlook for policy-relevant research; GAIA 28/4 (2019): 342-347; doi: https://doi.org/10.14512/gaia.28.4.5

Seibold, S., M.M. Gossner, N.K. Simons, N. Blüthgen, J. Müller, […] & W.W. Weisser (2019): Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers; Nature volume 574 (30.10.2019): 671-674; doi: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1684-3

Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H., Stenmans, W., Müller, A., Sumser, H., Hörren, T., Goulson, D., Kroon, H.d., 2017. More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12, e0185809; doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

Sánchez-Bayo, F. & K.A.G. Wyckhuys (2019): Worldwide decline of the entomofauna: A review of its drivers; Biological Conservation 232: 8-27; doi: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2019.01.020

Beckmann, M., K. Gerstner, M. Akin‐Fajiye, S. Ceaușu, S. Kambach […] Ralf Seppelt (2019): Conventional land‐use intensification reduces species richness and increases production: A global meta‐analysis; Global Change Biology 25 (6): 1941-1956; doi: https://doi.org/10.1111/gcb.14606

 

 

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