Pflanzenschutz und Biodiversität (1): Es besteht Handlungsbedarf!

Die vereinfachte Antwort vorab lautet: Nein! Grundsätzlich sind Pflanzenschutz in der Landwirtschaft und Biodiversität per Definition Gegensätze, die sich nicht ohne Weiteres verbinden lassen. Wer dies behauptet, macht sich etwas vor oder kennt die Fakten zu einem der beiden Themenkomplexe nicht ausreichend. Pflanzenschutz ist für die landwirtschaftliche Produktion notwendig, die Artenvielfalt jedoch auch, da sie zeigt, wie stabil und vielfältig Agrarökosysteme sind. Die gesellschaftliche Aufgabe für die Landwirtschaft besteht darin, einen effizienten und zielgerichteten Pflanzenschutz zu ermöglichen und andererseits den Rückgang der Biodiversität zu stoppen. Die politische Diskussion ist polarisiert und Verbotsdebatten helfen meiner Meinung nach nicht, wir müssen alle Optionen prüfen und den richtigen Policy-Mix wählen.

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Biodiversität auf einem abgeräumten Bio-Gemüsefeld

In den folgenden Beiträgen werde ich bei drei Themen etwas ins Detail gehen:

  1. Problembeschreibung: Warum ist Pflanzenschutz und der Erhalt der Biodiversität notwendig?
  2. Politikoptionen I: Welche allgemeinen Optionen hat die Agrarpolitik, welche Probleme gibt es?
  3. Politikoptionen II: Warum trägt besonders der Ökolandbau zur Lösung dieses Konfliktes bei?

Warum ist Pflanzenschutz notwendig?

Pflanzenschutz ist integraler Teil der modernen landwirtschaftlichen Produktion. Hierbei ist zunächst wichtig festzuhalten, dass es unterschiedliche Arten des Pflanzenschutzes gibt: Es gibt den physisch-mechanischen Pflanzenschutz, den chemischen Pflanzenschutz, aber auch den Pflanzenschutz über die Fruchtfolge. In Mitteleuropa sind gute Produktionsbedingungen, insofern ist auch Produktion ein wichtiges Ziel und hierfür ist Pflanzenschutz ein wichtiger Baustein. Die Frage muss daher lauten, wie man beides verbinden kann.

Auch chemischer Pflanzenschutz wird in Zukunft für Agrarproduktion notwendig sein. Verfolgt man die Ausbreitung von Schaderregern, so zeigt sich, dass die Landwirtschaft auf diese Schaderreger unterschiedlich reagieren kann. Um dramatische Missernten zu vermeiden ist es allerdings teilweise notwendig, z.B. mit Hilfe von Fungiziden schnell und intensiv zu reagieren. So führte z.B. die Ausbreitung der Schwarzrostrasse UG99 im Jahr 1999 führte dazu, dass etwa 90% der globalen Weizensorten für diesen Schaderreger anfällig wurden. (Hierzu ein interessanter Vortrag von Prof. Dr. Andreas von Tiedemann von der Universität Göttingen) Dies konnte durch eine intensive Reaktion verhindert werden. Dieses Beispiel soll lediglich zeigen, dass nicht jeder Schaderreger extensiv, z.B. mit den Methoden der ökologischen Landwirtschaft vermieden werden kann. Auf manche Erreger kann die Züchtung mit der Entwicklung von resistenten Rassen reagieren, aber es funktioniert nicht immer. Insofern ist chemischer Pflanzenschutz auch in Zukunft notwendig. Selbst in der ökologischen Landwirtschaft sind nicht alle Probleme des Pflanzenschutzes gelöst, es ist weiterhin notwendig, im Kartoffel-, Wein- und Tomatenanbau Kupfer einzusetzen (– was von Verfechtern der konventionellen Landwirtschaft unnötigerweise skandalisiert wird.)

Gleichzeitig ist es das Ziel des integrierten Pflanzenschutzes, nur so viel wie notwendig mit chemischem Pflanzenschutz zu reagieren. Der politische Streit dreht sich darum, ob dieses Mindestmaß in der konventionellen Landwirtschaft schon erreicht ist, oder ob noch eine weitere Reduktion möglich ist. Aber keine der beiden politischen Seiten konnte nach meiner Wahrnehmung überzeugend darlegen, dass das eine oder andere der Fall sei. Wir wissen m.E. nicht, welche Reduktionspotenzial im Pflanzenschutz existiert.

Auch die Aussage, dass der Pflanzenschutz in den letzten Jahren dramatisch gestiegen sei, ist nicht ganz korrekt. Es gibt insgesamt einen Anstieg, was jedoch hauptsächlich auf die inerten Gase in der Lagerhaltung zurückzuführen ist (Orangene Linie). Der Absatz an Herbiziden und Fungiziden ist dagegen nur geringfügig angestiegen (vgl. gelbe und grüne Linie).

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Es kommt also nicht ausschließlich auf den Absatz an, sondern auf die Wirkungen des Pflanzeschutzes. Die Leopoldina hat 2018 eine Stellungnahme mit dem Titel „Der stumme Frühling – Zur Notwendigkeit eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes“ herausgebracht (Leopoldina 2018a). Diese Studie beschreibt das Spannungsfeld zwischen Pflanzenschutz und Biodiversität und fordert einen „verantwortungsvollen Einsatz“ von Pflanzenschutzmittel. Gleichzeitig kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Ökosystemfunktionen inzwischen gefährdet sind.  Wörtlich heißt es auch in dem Gutachten der Leopoldina (2018a: S:45): „Die konventionelle landwirtschaftliche Pflanzenschutzpraxis hat einen Punkt erreicht, an dem wichtige Ökosystemfunktionen und Lebensgrundlagen ernsthaft in Gefahr sind.“ Es sollten, so das Gutachten, alle Möglichkeiten ausgelotet werden.

Leider reagiert die Politik darauf bisher recht einseitig und phantasielos. Die eine Seite streitet das Problem ab. Die andere Seite fordert, dass chemischer Pflanzenschutz verboten werden soll. Die Grünen und die SPD haben in der Vergangenheit immer wieder gefordert, Glyphosat vollständig zu verbieten – ohne allerdings fachlich zeigen zu können, welche Wirkstoffe stattdessen nach einem Verbot eingesetzt würden. Dies lässt sich gut kommunizieren, aber fachlich ist dies einseitig. Kann es sein, dass nach einem Glyphosat-verbot ggf. ein Mix anderer Wirkstoffe eingesetzt werden, die in der Summe gefährlicher sind. Dass ein solches Verbot den Pflanzenschutz sehr viel ineffizienter machen würde, gehört weiterhin zu den Fragen, die Verfechter eines Verbotes dringend beantworten sollten.

Ich würde eine Reduktion von chemischem Pflanzenschutz befürworten, wenn es die Problem lösen würde, aber ich habe da gewisse Zweifel. Es kann nicht sein, dass hier ein Verbot gefordert wird, ohne dass geklärt ist, welche Alternativen es zu Glyphosat gibt, wie gefährliche die Alternativen möglicherweise sind. Insofern wäre ein Verbot nur die letzte Konsequenz.

Es gibt zum Thema einiges an Literatur, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann. Insgesamt wird der chemischer Pflanzenschutz auch in Zukunft für die konventionelle Produktion notwendig sein. Gleichzeitig gefährdet Pflanzenschutz per Definition die Biodiversität in der Agrarlandschaft. D.h. diejenigen, die die Meinung vertreten, im Pflanzenschutz sei alles in Ordnung und auf einem guten Weg, übersehen regelmäßig, wie sehr die Biodiversität inzwischen gefährdet ist.

Warum sprechen wir über Biodiversität?

Biodiversität ist historisch betrachtet durch die agrarische Nutzung entstanden, Biotope und Pflanzenarten haben sich in Mitteleuropa ausgebreitet, weil es z.B. die intensive Nutzung, teilweise Übernutzung auf bestimmten Standorten gab. Ein klassisches Beispiel für die Extensivierung und Übernutzung, die eine traditionelle Landschaft hervorgebracht hat, ist die Schafbeweidung mit einer entsprechenden Aushagerung in der Lüneburger Heide. Die Standortfernen Grünlandes wurden durch den Antrag von Boden derart ausgehagert, dass sich dort die Calluna-Heiden ausbreiteten, die bis heute ein beliebtes Touristenziel im Spätsommer und Herbst sind. Die sog. Streuwiesen im bayrischen Alpenvorland sind ein ähnliches Beispiel und im Lehrbuch „Landschaftspflege“ von Günther Spatz beschrieben.

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Extensive Grünlandnutzung in einer traditionellen Landschaft im Erzgebirge bei Altenberg

Durch die Entwicklung der modernen Landwirtschaft im 20 Jahrhundert ist die Agrar-Biodiversität unter Druck geraten und wir können gut dokumentiert seit den 1980er Jahren einen deutlichen Rückgang in über verschiedene Artengruppen (z.B. Vögel, Schmetterlinge oder Ackerbeikräuter) beobachten. Auch verschwinden bestimmte Pflanzengesellschaften. Exemplarisch für den Rückgang der Biodiversität steht die 2017 in PLOS one veröffentlichte Studie von Hallmann et al. (2017), in der die Entwicklung der Biomasse von Insekten in 63 deutschen Naturschutzgebieten analysiert wurde. Die Studie zeigt, dass in den analysierten Gebieten die Biomasse der untersuchten Insekten um 75% zurückgegangen ist. Die Studie zeigt auch, dass angrenzende landwirtschaftliche Nutzung einen Einfluss auf die Biodiversität ausübt.

Die Studie wurde in den Medien breit aufgegriffen, in den Landwirtschaftsforen wurde die Vorgehensweise kritisiert. Hier wurde das Basisjahr als problematisch angesehen. Des weiteren wurde hier abwertend von „Hobby-Entomologen“ gesprochen – etwas, was geradezu unverschämt mit der wissenschaftlichen Leistung der Autoren dieses Beitrags umgeht, denn in Fachkreisen ist man sich durchaus einig, dass die Erarbeitung dieses Datensatzes durchaus einmalig ist. Eine sachliche Einschätzung über die Aussagekraft der Studie kann man auf Manu Sanders Blog finden: „Insects in decline: why we need more studies like this„. (@Bartosz: Danke für den Hinweis). Wichtig erscheint der Hinweis, dass die untersuchten Gebiete häufig (59% der Gebiete) nur einmal untersucht wurden und sich eine Aussage erst aufgrund der hohen Zahl der Messungen ergibt. Allerdings ist der Datensatz heterogen. Weiterhin ist wichtig, dass Biomasse nicht gleich Vorkommen ist.

Aber all dies ist kein Fehler der Wissenschaftler, höchstens ein Kommunikationsproblem, da sich einigen Feinheiten schwer über die Medien kommunizieren lassen. Und selbst wenn man andere Jahre als Basisjahr definiert, zeigt sich ein deutlicher Rückgang der Biomasse, der ebenfalls besorgniserregend ist. Auch die Methoden der Erfassung sind gängig und der Datensatz ist über die Zeit betrachtet vermutlich einmalig, selbst wenn eine detaillierte Analyse der Ursachen mit Hilfe dieses Datensatzes nicht möglich ist. Die Studie steht allerdings nicht alleine, auch andere Studien dokumentierenden Rückgang der Biodiversität, der z.B. an Hand des Feldvogelindex oder an Hand des Index für Schmetterlingen belegt werden kann. Auch zu den Ursachen den landwirtschaftlichen Managements ist einiges bekannt und in Studien veröffentlicht.

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Der Rückgang der Biodiversität ist ein Marktversagen und ein Politikversagen gleichzeitig. Wenn Biodiversität verschwindet, so ist dies als „negativer externer Effekt“ landwirtschaftlicher Produktion bezeichnen. Allerdings wird als weitere Ursache des Rückgangs auch die Gestaltung der Agrarökosysteme insgesamt, d.h. auch des Umfelds von Äckern und Grünland genannt. Gerade Landschaftselemente, Brachflächen und auch Gewässer sind wichtige Lebensräume der Agrarbiodiversität und auch hier hat in den letzten 50 Jahren eine Verarmung der Landschaftsgestaltung stattgefunden, gefördert auch durch agrarpolitische Maßnahmen wie die Flurbereiningung (SRU 1985). Biodiversität hat in Agrarökosysteme eine regulierende und stabilisierende Funktion, d.h. Biodiversität macht Agrarökosysteme weniger anfällig z.B. für Schaderreger. Insofern kann Artenvielfalt auch als Strategie zur Risikominimierung betrachtet werden. Weitere ökonomische Argumente für den Schutz der Biodiversität werde ich im zweiten Teil des Textes nennen.

Der Biodiversitätsrückgang ist jedoch auch eine lange Geschichte des Politikversagens. Die Umweltprobleme in der Landwirtschaft wurden erstmals durch das Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU 1985) in seinem Sondergutachten „Umweltprobleme der Landwirtschaft“ beschrieben und dokumentiert. Bereits damals wurde die Landwirtschaft als wichtigster Verursacher von Artenrückgang benannt und innerhalb der Ursachen spielte die Herbizid-Anwendung (neben anderen nicht-landwirtschaftlichen Ökofaktoren) eine wichtige Rolle (vgl. SRU 1985: 166). Seither ist eine Vielzahl von Studien zu dem Thema erschienen, erst im Oktober 2018 hat eine Arbeitsgruppe an der Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Kurzstellungnahme zum „Artenrückgang in der Agrarlandschaft: Was wissen wir und was können wir tun?“ veröffentlicht (Leopoldina 2018b), in der der neuesten Kenntnisstand zum Rückgang der Biodiversität dargestellt wird und in der politische Handlungsempfehlungen gegeben werden. Auch der Sachverständigenbeirat für Umweltfragen hat im Oktober 2018 eine Stellungnahme mit dem Titel „Für einen flächenwirksamen Insektenschutz“ veröffentlicht (SRU 2018), die ebenfalls verschiedene Handlungsempfehlungen abgibt.

Insgesamt zeigt sich, dass politischer Handlungsbedarf besteht, um einerseits das notwendige Maß an Pflanzenschutz effizient sicher zu stellen, und andererseits die Biodiversität besser zu fördern, um den dramatischen Artenrückgang zu stoppen. Diese Gleichung lässt sich nicht einfach auflösen, sondern erfordert eine zielgerichtete und effizientere Agrarpolitik, als das bisher der Fall war. Einseitige Schuldzuweisungen helfen hier nicht, wie das erste Leopoldina-Gutachten (2018a) richtig bemerkt. Allerdings muss auch anerkannt werden, dass der Zustand der Biodiversität deutliche zeigt, dass Handlungsbedarf besteht und alle Möglichkeiten ausgelotet werden sollten.

Im folgenden Beitrag werden ich darauf eingehen, welche Reaktionsmöglichkeit die Agrarpolitik hat, um beide Ziele besser miteinander zu vereinbaren.

Quellen:

Hallmann, C.A., M. Sorg, E. Jongejans, H. Siepel, N. Hofland, H. Schwan, W. Stenmans, A. Müller, H. Sumser, T. Hörren, D. Goulson, H. de Kroon (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12(10): e0185809. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

Leopoldina (2018a): Der stumme Frühling – Zur Notwendigkeit eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes, Stellungnahme der Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vom März 2018, Frankfurt.

Leopoldina (2018b): Artenrückgang in der Agrarlandschaft, Stellungnahme der Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vom 22 Oktober 2018, Frankfurt.

Sachverständigenrates für Umweltfragen (1985): Umweltprobleme der Landwirtschaft, Kohlhammer, Stuttgart u. Mainz.

Sachverständigenbeirat für Umweltfragen (2018): Für einen flächenwirksamen Insektenschutz, gemeinsame Stellungnahme mit dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderung (WBGU) vom Oktober 2018, Berlin.

 

2 Antworten to “Pflanzenschutz und Biodiversität (1): Es besteht Handlungsbedarf!”

  1. Bartosz Bartkowski Says:

    Übrigens: eine sachliche und kompetente Einschätzung der Relevanz und Generalisierbarkeit von Hallmann et al. findet man hier: https://ecologyisnotadirtyword.com/2017/10/20/insects-in-decline-why-we-need-more-studies-like-this/

    Gefällt 1 Person

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