Ralf Rothmann – eine kurze Werkschau

Heute geht es um einen meiner Lieblingsautoren, nämlich Ralf Rothmann. Im Juni 2015 hat Rothmann mit „Im Frühling sterben“ einen weiteren beachtlichen Roman vorgelegt, daher möchte ich einige Gedanken zu Autor und Werk, die mich seit vielen Jahren bewegen, teilen. Meine agrarpolitischen Leser mögen mir also verzeihen, wenn ich heute zwei literarische Texte veröffentliche, die nichts mit Agrarpolitik zu tun haben und gelobe, auch dazu demnächst wieder zu schreiben.

Ralf Rothmann, *1953 (copyright Suhrkamp-Verlag)

Ralf Rothmann, *1953 (copyright Suhrkamp-Verlag)

Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, ist meiner Ansicht nach einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren. Er ist als Schriftsteller bekannt für seine meist autobiografisch gefärbten Ruhrgebiets-Romane. Meist handelt es sich um Entwicklungsromane, die mit Hilfe von konstruierten Rückblicken und Reisen in die Vergangenheit dargestellt wird. Stilprägend hierfür ist wohl „Stier“ aus dem Jahr 1991, der von die Entwicklung von Kai Carlsen vom Maurer-Lehrling zum schriftstellerisch begabten Weltenbummler und Künstler zeigt. Die Rahmenhandlung beginnt mehr oder weniger in der Berliner Gegenwart der späten 1980er Jahre und zeigt den Schriftsteller Carlsen, wie er versucht über den Sommer in einer Hinterhofwohnung seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. In den Ruhrgebietsromanen zeigt Rothmann jedoch auch die Entwicklung des Ruhrgebietes seit den frühen 1970er Jahren.

Stier“ ist ein Roman, der 1991 einen weniger verklärenden Blick auf die bis dahin im linksliberalen Milieu gerne glorifizierte Generation der 1968er wagt. Im ersten Teil des Romans bricht Kai Carlsen zunächst aus dem proletarischen Maurer-Milieu aus, macht im zweiten Teil des Romans den Ausstieg der 68er mit. Er wird Teil der Subkultur rund um die Hippie-Kneipe „Blow Up“ in Essen und wohnt mit den angesagten Szene-Typen in einem halb verfallenen Haus. Der Traum des selbstbestimmten Ausstiegs wird durch eine kriminelle Motorrand gewaltsam beendet. Im dritten Teil des Romans erlebt Kai als Hilfspfleger in einem Krankenhaus auch das Scheitern der Hauptprotagonisten der 68er, hauptsächlich repräsentiert durch den Kneipenbesitzer Eckhart „Ecki“ Eberwein, dessen Träume schicksalhaft zu Grunde gehen. Kai dagegen entdeckt für sich eine Strategie, sich selbst und seine literarischen Ambitionen unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen weiter zu entwickeln.

Wie bereits Hellmuth Karaseck 1991 im literarischen Quartett bemerkte, ist dieser Roman auch eine gelungene Milieustudie über die 68er und deren Scheitern. Dieser Blick ist für Rothmann (Jahrgang 1953) möglich, der einmal in einem Interview „mit dem Freitag“ aus dem Jahr 2000 bekundete, für die 68er zu jung gewesen zu sein und viel Sympathie für die Punk-Bewegung gehabt zu haben, für die er jedoch zu alt gewesen sei. Die innerliche Distanzierung des Post-68er Rothmann wird in Stier nachgezeichnet, gleichzeitig ist „Stier“ jedoch auch ein Roman der Schriftsteller-Werdung.

Die Figur des Kai Carlsen ist typisch für die Romane Rothmanns: Kai zeigt als schüchterner Außenseiter die Welt des Ruhrgebiets mit seinen proletarischen Milieus mal als kühler, mal als melancholischer oder auch als verschmitzter Beobachter. Und diese kühle Beobachtung ermöglicht ihm auch an der Entwicklung der Figuren teilzunehmen. Dies dürfte zunächst auf nicht wenige Entwicklungsromane zutreffen, aber die Art der Beobachtung ist bei Rothmann eine besondere: Die seelische Verfassung der Figuren Rothmanns wird meist sehr subtil oder untergründig als Andeutungen und in Halbsätzen zwischen Alltäglichkeiten aus dem Ruhrgebiet oder auch in Naturprozesse in den Text eingearbeitet, so dass man ohne aufmerksames Lesen die eigentliche seelische Entwicklung der Helden verpasst.

Programmatisch entwickelt Rothmann hierfür im  Roman „Wäldernacht“ (1994) ein Bild: Rothmann beschreibt die Kohleflöze im Ruhrgebiet als „steinalte Wäldernacht“ und nutzt sie als Sinnbild, um das „ewige“, sich nicht verändernde Leben im Ruhrgebiet zu charakterisieren, aus dem der Held ausbrechen will. Und „keiner konnte sich da herausträumen“ (S.146 in der Taschenbuchausgabe von Suhrkamp). Diese gedachte Ewigkeit löst im Helden von Wäldernacht, Jan Marrée dann Beklemmungen aus, da auch er um Emanzipation von seiner Herkunft auf dem Ruhrpott kämpft. Das Bild aus der Natur wird (ähnlich wie im Naturalismus) verwendet um den seelischen Zustand der Helden anzudeuten. Allerdings finden die eigentlichen Veränderungen nur angedeutet und leicht überlesbar statt. Rothmann bewegt sich mit diesem untergründigen Stil immer sachlich nüchterner Beschreibung und einer mystisch überhöhten Sprache. Teilweise wurde ihm daher von der Literaturkritik (etwa Sigrid Löffler im literarischen Quartett 1991) schon mal „Kitsch“ vorgeworfen, andererseits „riskiert“ Rothmann mit seiner Sprache einiges (so Hellmuth Kraseck 1991 im literarischen Quartett).

Auch die Symbolik von Rothmann ist teilweise mystisch überhöht: So heißt in „Stier“ die Kneipe von Ecki „Blow Up“, in der sich Ende der 1960er Jahre die Hippie-Szene in Essen trifft. Doch beschrieben wird sie im Grunde als dionysischer Hades der Selbstverwirklichung, in den der neugierige Kai auf der Suche nach seinem Selbst gleichermaßen wie Orpheus eindringt. Die Musik ist der psychedelic Rock der späten 60er Jahre. Am Einlass der Kneipe sitzt wie ein Kerberos der legendäre „Salzburger“, der auswählt, ob man würdig ist um Teil der In-Kultur zu sein. Auch die Figuren „Schnuff“ und „Move“ (der mit richtigem Namen Harald heißt…) sind zu Beginn der Inbegriff der „coolen Typen“, die in der Szene stilbildend sind. Das Blow Up ist der Handlungsort dieser Zeremonienmeister. Doch weiteren Verlauf des zweiten Teils wird aus dieser Szene und speziell den Underground-Figuren die Luft herausgelassen. Es zeigt sich, dass viele Träume der Hippies nur Luftnummern sind und die coolen Typen des „Blow Up“ im Grund nur kleine Lichter sind, die beim kleinsten Konflikt in spießbürgerliche Verhaltensmuster zurückfallen. Nur Ecki unterscheidet sich von den Kleingeistern, doch ihm setzt das Leben derart zu, dass sein Kneipenprojekt und auch er als Person scheitert.

Weil Rothmann ein Meister dieses untergründigen und angedeuteten Stils ist, wird man als Leser genötigt den Zwischentönen eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Man springt mitunter einige Absätze zurück und liest Absätze ein zweites Mal, um den Moment, in dem eine Handlung kippt, nicht zu verpassen. Einige Kritiker entdecken in diesen Zwischentönen Spiritualität, weshalb Rothmann auch mit Heinrich Böll verglichen wird.

Ähnlich konstruiert wie Stier sind auch die Romane „Wäldernacht“ (1994) und „Milch und Kohle“ (2000). Die drei Romane bilden zusammen die sog. Ruhrpott-Trilogie, die durch den Roman „Junges Licht“ (2006) ergänzt wird. Alle drei Nachfolgeromane zeigen bei allen Unterschieden ein ähnliches Muster, wobei „Junges Licht“ wohl der intensivste Ruhrgebietsroman von Rothmann ist, vielleicht weil sein Held Julian der jüngste Held Rothmanns ist. Vor „Stier“ hatte Rothmann bereits die Erzählungen „Auf Messers Schneide“ (1986) und „Der Windfisch“ (1988) veröffentlicht. Mit „Flieh Mein Freund“ (1998) und „Hitze“ (2003) hat er auch zwei Romane geschrieben, die im Berlin der 1990er und 2000er Jahre spielen. Alle Werk Rothmanns sind im Suhrkamp-Verlag erschienen.

Neben Gedichten, Hörspielen und drei Bände mit Kurzgeschichten legte Rothmann 2009 den eher untypischen autobiografischen Roman „Feuer brennt nicht vor“, der im Werk Rothmanns eine Zäsur bedeutete. Der Werdegang des Schriftstellers, der Rothmann sehr ähnelt, liest sich anders als die Vorgänger, da die Sprache realistischer ist und die Beschreibungen der Affären und Liebesspiele des Schriftstellers sehr explizit und damit teilweise hart am Rand des Erträglichen sind. Die Handlung kulminiert in einer privaten Katastrophe, dem Tod seiner Frau. Allerdings war mir nie ganz klar, wie viel der Romanhandlung tatsächlich faktisch ist und wie viel fiktional. Trotzdem stellte sich für mich die Frage, inwieweit dieser Roman ein Wendepunkt im Werk von Ralf Rothmann, und der Roman stilbildend für spätere Romane sein würde. Insofern konnte man gespannt sein auf den nächsten Roman. Rothmann legte nun im Juni 2015 „Im Frühling sterben“ vor und um es vorweg zu nehmen, Rothmann hat sich verändert und bleibt sich gleichzeitig treu. Im nächsten Text werde ich den Roman im Detail besprechen.

Bemerkenswert ist auch, dass Rothmann seinen Verlag Suhrkamp gebeten hat, den Roman nicht für das Rennen um den deutschen Buchpreis zu nominieren. Begründung: „Er möchte lieber nicht„. Das ist einfach wunderbar! Auch diese Zurückhaltung gegenüber der medial überhitzten Gschaftlhuberei im Literaturbetrieb, ist typisch für Rothmann und seine Gelassenheit ist durchaus nachahmenswert.

Feedback zu diesem Text ist sehr willkommen, zumal ich kein Literaturwissenschaftler bin.

Ralf Rothmann liest aus „Im Frühling sterben“ am 9.September 2015 um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen

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