Buchbesprechung: Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“

In dem Roman „Im Frühling sterben“ beschreibt Ralf Rothmann das Schicksal seines Vaters, der 1945 zunächst in einer Versorgungseinheit der Waffen-SS die letzten Kriegswochen erlebte, dann als Melker in Schleswig-Holstein und später als Bergmann im Ruhrgebiet arbeitet. Rothmann ist mit diesem Roman gelungen, einen neuen Blick auf die Generation der Flakhelfer zu werfen und Rothmann setzt seinem Vater ein Denkmal.

Es geht es um das Schicksal des 17-jährigen Melkers Walter Urban, der Rothmanns Vater nachempfunden ist. Walter wird zusammen mit seinem besten Freund Fiete Caroli im Februar 1945 von der Waffen-SS (Division Frundsberg) bei einem Dorffest des Reichsnährstandes zwangsrekrutierten und erlebt hinter der Front die letzten Wochen des 2. Weltkriegs. Es ist bereits zu Beginn der Handlung klar, dass NS-Deutschland kurz vor der Niederlage steht und die Kampfhandlungen bald beendet sein werden.

Ralf Rothmann "Im Frühling sterben"

Ralf Rothmann „Im Frühling sterben“

Hier könnte man zunächst denken, Rothmann hätte sich nun der Form des historischen Romans zugewandt. Der Roman würde demnach gleich zwei wichtige Genres in der Literatur berühren, nämlich das Genre des Soldatenromans im 2. Weltkrieg und das Genre der Trümmerliteratur. Man könnte an Günther Grass’ „Blechtrommel“ (1959) oder das späte „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) denken, gerade zu letzterem bestehen einige Parallelen. Der Klassiker wäre Wolfgang Borcherts „Draussen vor der Tür“ (1946), auch Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ (1971), Siegfried Lenz „Exerzierplatz“ (1985), Günther de Bruyns „Zwischenbilanz“ (1992) oder Martin Walsers „Ein springender Brunnen“ (1998) wären typische Beispiele für dieses Genre, um nur einige zu nennen.

Walter hat zunächst Glück und muss als LKW-Fahrer in einer Versorgungseinheit hinter der Front arbeiten. Er wird jedoch sehr schnell mit der ganzen Brutalität des Krieges und dem Zynismus SS konfrontiert und er muss erleben, wie sein bester Freund Fiete Caroli zunächst verwundet wird, dann desertiert und von Feldjägern gefangen genommen wird. Walter, der vergeblich versucht hatte seinen Freund von der Fahnenflucht abzubringen, gerät nun unschuldig in die Situation, dass er von einem SS-Offizier gezwungen wird, selbst mit seinen Stubenkameraden die Exekution vornehmen muss – wohl eine typische Perversion der SS.

Die Exekution, die Walter vergeblich zu verhindern sucht, ist der tragische Höhepunkt der Handlung, die die Erlebnisse der Generation der Flakhelfer verdichtet, die noch am Ende des NS-Regimes in die Kampfhandlung der 2.Weltkriegs geworfen werden und mit 17 Jahren oder jünger ein Schicksal erleiden, mit dem Sie für den Rest ihres Lebens umgehen müssen. Wenn Walter nicht auf seinen Freund schießt, wird er selbst exekutiert, d.h. er ist als 17-jähriger gezwungen, seinen Freund zu erschießen und es wird die einzige Patrone bleiben, die er in Kampfhandlungen abschießt.

Ralf Rothmann setzt sich in seine Roman von der typischen Verurteilung der „Vätergeneration“ ab, er entschuldigt auch nicht, sondern ist (wie Ursula März in Deutschland-Radio Kultur sehr treffend bemerkt) teilnehmender Beobachter. Ursula März weist im gleichen Beitrag auch darauf hin, dass auch Günter Grass der SS-Division „Jörg von Frundsberg“ angehört. Dies könnte, So März weiter, vom Leser als Hinweis gelesen werden, dass Rothmann sagt: „Macht es Euch nicht zu einfach! Ihr ward nicht dabei, ihr ward damals nicht Siebzehn.“ Allerdings weist Rothmann derartige politische Statements von sich. Trotzdem ist diese Sichtweise auf den einzelnen Menschen im zweiten Weltkrieg anders, als die teilweise pauschalen Verurteilungen der Vätergeneration durch die 68er. Interessanterweise deckt sich diese beobachtende und teilweise empathische Haltung durchaus mit der Haltung von Heinrich Böll, der in „Gruppenbild mit Dame“ ebenfalls die Wirrnisse der letzten Kriegstage erzählt und deutlich macht, dass moralische Werturteile über Handlungen im 2.Weltkrieg häufig den Menschen nicht gerecht werden.

Allerdings geht die Handlung des Romans noch weiter: Nach Kriegsende, im April/Mai 45 gerät Walter zunächst in Kriegsgefangenschaft der US Armee und kehrt dann von München über Oberhausen nach Schleswig auf seinen Lehrbetrieb zurück. Schließlich endet der Roman in Kiel, wo Walter seine Geliebte Elisabeth wiedertrifft.

Ein Einordnung des Romans in das historische Genre würde jedoch dem Erzähler Ralf Rothmann überhaupt nicht gerecht, denn im Grunde geht es Rothmann stärker um die Entwicklung seines Helden. Der Beginn des Romans ist wuchtig: Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller erlebt den Tod seines Vaters und charakterisiert sehr knapp auf wenigen Seiten ein Leben, in dem man sich vor alltäglichem Grau nicht retten kann: Für den sehr ernsten Vater steht die Arbeit, zunächst als Melker, dann als Bergmann. Der Vater wird zwar von Nachbarn als „hochanständig“ geschätzt, hat aber kaum Freunde und ist schwermütig. An dem Freundeskreis seiner Frau nimmt er wenig Anteil und kann mit niemandem sein Schweigen teilen. Im Grunde ist der Vater eine vereinsamte, innerlich zerbrochene Figur. Dies wäre nicht untypisch für die Generation, deren Zerbrechen Wolfgang Borchert in „Draussen vor der Tür“ 1946 zuerst beschrieben hat. In Rothmanns Roman kann der Erzähler wenig über seinen Vater berichten, nur dass offensichtlich die letzten Wochen des Weltkriegs für ihn biografisch eine entscheidende Zeit waren. Diese Zeit wird nun aus Sicht des Schriftstellers erzählt – eine für Rothmann typische Perspektive.

Nach diesem Anfang kann man eigentlich nur deprimiert sein, aber die Handlung springt nun sofort in den Winter 1944/45 und die Erzählung bekommt plötzlich einen völlig anderen Tonfall. Und der ist gewollt. Der Melker Walter geht zu einem Fest des Reichsnährstandes, um seine Freundin Elisabeth zu treffen. Doch das Fest ist eine Falle und die jungen Männer werden alle von der SS zwangsrekrutiert.

Und sehr schnell wird ein Kontrast der Figuren deutlich, denn der Walter, der jetzt durch die Apokalypse des 2.Weltkriegs geht, ist ein zwar ein eher zurückhaltender und schweigsamer Beobachter: Walter beobachtet die Ereignisse teilweise sehr sachlich, jedoch mit einer großen naiven Offenheit – einer Naivität, die durchaus für die Generation der Flakhelfer. Und die Haltung beim Erzählen ist sehr ähnlich wie in „Stier“ oder „Junges Licht“ eine dem Leben zugewandte. In diesem Roman sucht man vergeblich nach Selbstmitleid, zu dem Walter eigentlich Anlass hätte. Und ähnlich wie die Hauptfiguren in „Stier“ und „Junges Licht“, weiß auch Walter intuitiv, wie er seinen Weg machen muss. Besonders absurd mutet dabei an, dass Walter das Grab seines Vaters suchen möchte, das er nahe der Kampflinie an der ungarischen Front vermutet. Walter fährt also mit einem Motorrad mehrere Tage durch die Apokalypse der letzten Kampfhandlungen 1945. Und er erlebt den Zusammenbruch der Wehrmacht mit äußerster Brutalität, doch das hält ihn nicht davon ab, immer weiter zu suchen. Erst direkt hinter der Front muss er die Suche erfolglos abbrechen. Doch mit der kurzen Suche bezweckt Rothmann etwas anderes: Er zeigt Walter einerseits als erstaunlich selbstbewusst Handelnden, der sich selbst von der schlimmsten Brutalität nicht abhalten lässt.

Man könnte nun fragen, ob es Rothmann geglückt ist, das historische Szenario der letzten Kampfhandlungen für den Leser aufzubauen. Hier hätte ich vermutet, dass sich ein Erzähler wie Rothmann leicht überhebt, denn es erscheint mir nicht ganz trivial, zwischen historischen Fakten eine Handlung aufzubauen. Doch das gesamte Panorama der Kampfhandlungen ist vollkommen überzeugend aufgebaut, gerade weil Rothmann zwar viele Details genau schildert, sich jedoch nicht mit einer genauen Dokumentation etwa von Truppenbewegungen oder Frontverläufen aufhält. Der Roman ist in seinem historischen Umfeld geradezu bestürzend authentisch.

Einen gewissen Bruch erlebt der Roman in der Figur des Walter, denn es besteht meines Erachtens ein Unterschied in der Eingangsschilderung des Schriftstellers, in der Walter als gebrochene Gestalt geschildert wird, und dem Walter wie er das Ende des 2.Weltkriegs erlebt und dabei jedoch innerlich lebendig bleibt – und das obwohl er den Freund exekutieren muss. Rothmann sagt im Gespräch mit der Sendung „Titel Thesen und Temperamente“ in der ARD vom 08.07.2015 dazu etwas interessantes: „Ich hoffe, dass wenn er [der Vater] das Buch lesen könnte, dass er dann sagte, ja, es war vielleicht nicht ganz so, aber es hätte so sein können.

Und so liest sich der Roman in weiten Teilen: Rothmann imaginiert sich in die Handlung der letzten Kriegstage und arbeitet (vielleicht stellvertretend) das Schicksal des Vaters auf. Und diese Haltung ist dem Buch überhaupt nicht abträglich, im Gegenteil: Rothmann lässt mit dieser Erzählweise den Vater wieder aufstehen und zeigt, dass das Leben der Generation der Flakhelfer bei allen Schicksalsschlägen ein gelebtes, und wenigstens teilweise glückliches Leben war.

Dies wird vor allem im letzten Abschnitt deutlich, wo Walter seine Freundin Elisabeth wieder trifft, sie umwirbt und ihr einen Heiratsantrag macht. Dieser letzte Teil strotzt zunächst nur so vor Optimismus: Der Krieg ist vorbei, es ist Sommer und die Liebenden, die sich nach einem halben Jahr wiedertreffen, verstehen sich auf Anhieb und ohne Worte. Und doch wird hier nur ganz subtil die weitere Entwicklung bei Walter angedeutet: Als Leser merkt man, dass Walter und Elisabeth Schwierigkeiten haben, über Walters Fronterfahrungen zu sprechen. Und obwohl sich beide in vielen Dingen sofort verstehen, in diesem einen Punkt reden sie aneinander vorbei und dies könnte zum späteren Bruch in der Persönlichkeit Walters führen. Allerdings bleibt dieser Punkt nur angedeutet.

Der Roman von Rothmann ist in jeder Hinsicht lesenswert und Rothmann zeigt eine neue Art der historischen Betrachtung: Die moralische Bewertung des 2. Weltkriegs und der Verbrechen des Nationalsozialismus sind auf einer allgemeinen Ebene aus heutiger Sicht kaum anders als vor 30-40 Jahren, nur dass noch mehr historische Fakten bekannt sind. Doch Ralf Rothmann zeigt durch seine Art der Beobachtung, dass die moralische Bewertung der einzelnen Menschen in dieser Zeit sehr viel schwieriger wird, gerade in einer Situation, in der die letzten Zeitzeugen sterben.

Gleichzeitig darf man Rothmanns Buch nicht als politisches Statement missverstehen, hier würde man die Absicht des Autors vollständig missdeuten. Ralf Rothmann möchte in seinem Roman dem Leben und der seelischen Entwicklung seines Vaters nachspüren und vor allem dies ist ihm in beeindruckender Weise gelungen!

Ralf Rothmann liest aus „Im Frühling sterben“ am 9.September 2015 um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen

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