Die merkwürdigen Ansichten des Herrn Hilse zum Ökolandbau

Der Regierungswechsel in Hannover und die Amtsübernahme durch Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Bündnis 90 / Die Grünen) wird seit einigen Monaten vom Landvolk sehr kritisch begleitet. Dies ist zunächst nicht verwunderlich, da Christian Meyer an einigen Stellen eine Verschärfung des Ordnungsrechts, gerade bezüglich der Tierhaltung angekündigt hatte.

Arbeitskräfte bei der Heuernte (Nationalität unbekannt)

Arbeitskräfte bei der Heuernte (Nationalität unbekannt)

Allerdings scheint sich das Landvolk im Moment irgendwo im hintersten Winkel der Schmollecke zu positionieren, anders lassen sich aktuelle Äußerungen von Verbandspräsident Werner Hilse in einem HAZ-Interview vom 31.07.2013 nicht deuten. Hier bezieht Hilse Stellung zu Themen wie Tierschutz, Güllekataster und Ökolandbau sowie zur Politik von Christian Meyer. Die Äußerungen zum Ökolandbau und zu ausländischen Arbeitnehmern lassen hierbei aufhorchen. So sagt Hilse wörtlich: „Ein Biolandwirt muss völlig anders wirtschaften. Das ist noch kein so großes Hindernis. Aber er muss auch Dinge tun, die bei uns früher sozial geächtet waren. Er muss zum Beispiel im Frühjahr ausländische Helfer beschäftigen, die das Unkraut rauszupfen. Ich konnte das bei uns in einigen Fällen gut beobachten. Das ist mir zuwider. Landwirte, die einigermaßen gut zurechtkommen, stellen nicht um.“

1.) Die Erkenntnis, dass Ökobetriebe anders wirtschaften, ist nun nicht ganz brandneu und dürfte den meisten Verbrauchern geläufig sein. Insofern frage ich mich, warum diese Abgrenzung gegenüber einem kleinen Teil der Landwirtschaft. Eigentlich hat der DBV die Philosophie, alle Landwirte vertreten zu wollen, auch die Ökolandwirte, insofern bewegt sich der niedersächsische Verband außerhalb dessen, was der Deutsche Bauernverband auf nationaler Ebene praktiziert.

2.) Ökobetriebe haben im Durchschnitt einen etwas höheren Arbeitskräfte-Besatz, abhängig von der betriebswirtschaftlichen Ausrichtung und es ist hinlänglich bekannt, dass gerade in arbeitsintensiven Bereichen wie z.B. dem Feldgemüsebau auch Arbeitnehmer aus dem Ausland arbeiten. Dies hat auch damit zu tun, dass Arbeitnehmerinnen mit deutschem Pass solche Arbeiten häufig nicht mehr ausführen wollen, da hier kein besonders hoher Stundenlohn gezahlt wird und die Arbeit körperlich hart ist. Allerdings werden die angestellten Arbeitskräfte auf Ökobetrieben nicht nur für die mechanische Beikraut-Regulierung eingesetzt. Herr Hilse nennt dies sehr abschätzig „Unkraut rauszupfen“ und es ist ihm offensichtliche „zuwider“. Vielleicht sollte Herr Hilse sich mal ein objektives Bild, wie ein richtiger Ökobetrieb funktioniert: Mechanische Beikraut-Regulierung kann z.B. auch mit einem Messer, einer Handhacke, einer Radhacke, mit Hacken oder Häuflern am Traktor oder auch mit computergesteuerten Verfahren, die Beikräuter automatisch erkennen, durchgeführt werden, all dies kennt Herr Hilse offensichtlich nicht. Sein Vokabular ist insgesamt nicht besonders respektvoll gegenüber den Öko-Kollegen, mit denen man ja wenigstens teilweise auch gemeinsame Interessen hat. Herr Hilse hält offensichtlich nicht sehr viel vom Ökolandbau, schade!

3.) Hilse behauptet schließlich, dass die Beschäftigung von ausländischen Helfern bei uns früher „geächtet“ gewesen sei. Und hier wird es sehr abenteuerlich! Wie meint Hilse das? Deutschland ist EU-Mitglied und es herrscht Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Möchte Herr Hilse dies rückgängig machen? Und selbst vor Einführung des EU-Binnenmarktes mit dem Vertrag von Maastricht von 1992 wurden in Deutschland viele sog. „Gastarbeiter“ beschäftigt. Diese waren als Arbeitskräfte nicht nur in der Industrie willkommen und haben sich überwiegend integriert. Dass es Leute mit Vorbehalten gegenüber Ausländern gibt, ist uns schmerzlich bekannt, aber seit wann Ausländerfeindlichkeit der Maßstab? Es gehört jedoch schon jede Menge Demagogie oder Blödheit (oder beides) dazu, dieses Argument gegen den Ökolandbau ins Feld zu führen. Es ist gänzlich inakzeptabel, Arbeitnehmer aus dem Ausland zu diskriminieren, nur weil es ein paar wenige Ewiggestrige gab und gibt, die etwas gegen Ausländer haben.  Man kann nur hoffen, dass diese Bemerkung hauptsächlich aus mangelnder Reflexion entspringen. Hier war Hilse offenbar schlecht beraten.

4.) Es sei an der Stelle der Hinweis gestattet, dass auch auf konventionellen Betrieben ausländische Arbeitskräfte eingesetzt werden. Konsequenterweise müsste Herr Hilse dann z.B. auch konventionelle Gartenbau- oder Spargelbetriebe darauf hinweisen, dass der Einsatz dieser Arbeitskräfte irgendwann mal „gesellschaftlich geächtet war“. Sollen Spargelbetriebe in Niedersachsen den Anbau einstellen, weil keine ausländischen Arbeitskräfte mehr beschäftigt werden sollen, wird Spargel dann nur noch importiert? Die Argumente von Herrn Hilse sind alles andere als durchdacht.

Meiner Meinung nach kann man die Leistung der Angestellten auf landwirtschaftlichen Betrieben gar nicht hoch genug wertschätzen, denn ohne die angestellten Mitarbeiter (egal welcher Herkunft) lassen sich arbeitsintensive Kulturen kaum anbauen. Gerade solchen Kulturen werden von Verbrauchern gerne gekauft, hiermit können Betriebe gutes Geld verdienen und dies geht z.T. nur mit Handarbeit, von wem auch immer. Insgesamt spricht aus diesem Interview von Werner Hilse sehr viel Frust über die neue landespolitische Ausrichtung. Das Landvolk  könnte sich auch in einen konstruktiven Dialog mit der Landesregierung begeben, doch das ist  die Entscheidung des Verbandes. Es wäre jedoch insgesamt wünschenswert, wenn Herr Hilse in Zukunft von derartigen herablassenden Bemerkungen gegenüber ausländischen Mitbürgern und Arbeitnehmern und gegenüber dem Ökolandbau Abstand nimmt.

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