Warum das AK-Modell ein agrarpolitischer Irrweg ist

In der LAG Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen von Bündnis 90 /Die Grünen wurde kürzlich ein Papier beschlossen, in dem eine vollständige Bindung der Agrarförderung der 1.Säule an die Arbeitskraft gefordert wurde, die Autoren sprechen von dem sogenannten „AK-Modell“. Ziel der Autoren ist es, einen theoretischen Arbeitszeitbedarf mit Hilfe von KTBL-Kalkulationsdaten zu berechnen und die Förderung in Abhängigkeit von theoretischer Arbeitszeit auszuzahlen. Die landwirtschaftliche Arbeitsstunde soll mit einem regionalen Durchschnittslohn multipliziert werden, in dem Papier wird von den Autoren aus Nordrhein-Westfalen eine Beispiel-Rechnung mit 25 €/Stunde durchgeführt, andere Varianten gehen methodisch etwas anders vor, das Prinzip der theoretischen Berechnung bleibt jedoch. Was sich zunächst gut anhört, stellt sich bei genauerer Betrachtung als äußerst problematisch dar. Hier einige Argumente, die gegen dieses Modell sprechen:

  1. Es könnte dazu kommen, dass arbeitsintensive Betriebe (z.B. Veredelungsbetriebe) deutlich an Förderung gewinnen, während z.B. Öko-Betriebe (trotz eines höheren AK-Besatzes) an Fördervorteil verlieren.
  2. Es werden Anreize gesetzt, überproportional Arbeitskräfte einzustellen und in arbeitsintensive Verfahren (intensive Tierhaltung) zu investieren. Dies wird durch eine Studie am IAMO von Sahrbacher et al. (2011) belegt. Die Fehlallokation würde vom Boden auf die Arbeitskraft verlagert.
  3. Der Ausgangspunkt ist die besondere Förderwürdigkeit von Kleinbetrieben, die durch ein AK-Modell ggf. profitieren würden. Ein Umweltvorteil wird in Deutschland nicht erzielt, weil es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt, dass kleine Betriebe jederzeit umweltfreundlicher sind als große Betriebe. Es ergibt sich aus dieser Förderung – trotz anderer Behauptung – auch keine Vorteile für den Tierschutz.
  4. Eine Förderung von Kleinbetrieben aus sozialpolitischen Gründen (sofern man dieses möchte), ist mit anderen Förderinstrumenten sehr viel effizienter möglich.
  5. Das von NRW vorgeschlagene AK-Modell würde zu einer Umschichtung der Förderung in Regionen mit viel Industrie führen, während in Regionen mit einer hohen Arbeitslosigkeit die Landwirtschaft verlieren würde.
  6. Das Verfahren ist nicht transparent und wäre auf EU-Ebene nicht administrierbar.
  7. Eine einfache Überschlagsrechnung zeigt, dass sich bei Finanzierung des NRW-AK-Modells aus deutschen Haushaltsmitteln ein finanzieller Mehrbedarf von ca. 15 Mrd. Euro ergäbe. Dies ist die Hälfte der geplanten Netto-Neuverschuldung der BRD für 2013. Und das für eine Umverteilung nach AK, das ist überhaupt nicht vermittelbar.

All dies sind gute Gründe, warum sich die Bundesdelegierten-Konferenz in Kiel im November 2011, und die BAG Landwirtschaft gegen das AK-Modell ausgesprochen haben. Dieses Modell ist eine Sackgasse, zumindest die deutsche Agrarpolitik und kein Modell für Europa. In Österreich mag dies ggf. in manchen Regionen anders aussehen (Siehe kritischer Agrarbericht 2012).

Die bisherige Flächenförderung in der I.Säule ist nicht akzeptabel und wird zu einem großen Anteil an die Bodeneigentümer weitergereicht. Die aktuelle Förderpolitik der I.Säule ist in der Tat äußerst kritikwürdig. Das AK-Modell liefert hierzu allerdings keinen Lösungsbeitrag, sondern führt zu erheblichen Verwerfungen, die v.a. Öko-Betriebe benachteiligen. Für die Erreichung von Zielen im Bereich Umwelt und Tierschutz ist es wichtiger, Instrumente der II.Säule zu verbessern und finanziell besser auszustatten.

Die ausführliche Kritik des AK-Modells gibt es hier: => Neue Irrwege in der Agrarpolitik (überarbeitete Version von Oktober 2013).

Nachtrag: Im April 2013 hat O Poppinga es ein sehr langes Papier mit einer ausführlichen Kritik an unserem Positionspapier gegeben (O.Poppinga und A. Jostes 2013: Arbeit richtig Bewerten! – eine Kritische Analyse zur aktuellen Debatte, Kasseler-Institut für ländliche Entwicklung). Viele der Kritik-Punkte von Poppinga sind nach nicht stichhaltig und nach unserem Dafürhalten konnte keiner unserer Kritikpunkte entkräftet werden. Allerdings ist das Papier von Poppinga in einem Detail richtig: Uns ist ein handwerklicher Fehler bei der Wahl der konventionellen Referenz-Gruppe unterlaufen. Die konventionelle Vergleichsgruppe enthält in den ersten Versionen des Papiers u.a. auch Gartenbau-Betriebe, die in der Gruppe der Ökobetriebe nicht enthalten sind. Korrigiert man diesen Fehler, so ergibt sich im Durchschnitt ein geringfügiger Fördervorteil für den Ökolandbau durch das Ak-Modell. Wendet man allerdings die Berechnungsmethode von Poppinga an, so werden die Ökobetriebe weiterhin leicht benachteiligt. Insofern wurde auch dieser Kritikpunkt von Poppinga allenfalls etwas relativiert, jedoch keinesfalls entkräftet. Wir arbeiten aktuell an einer weiteren Version unseres Papiers, in der diese Fehler korrigiert werden.

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2 Antworten to “Warum das AK-Modell ein agrarpolitischer Irrweg ist”

  1. B. Heinrich Says:

    Ich hab einen Einwand: wenn die Förderung nach theoretischem und nicht nach tatsächlichem Arbeitszeitbedarf ausgezahlt wird, sehe ich keinen Anreiz für eine überproportionale Einstellung von Arbeitskräften. Der Anreiz, in (theoretisch) arbeitsintensive Produktionsverfahren zu investieren und deshalb mehr AK einzustellen, bleibt natürlich erhalten.

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    • Sebastian Lakner Says:

      Richtig, man könnte die Arbeitskraft auch als neue Grundlage für eine Entkopplung nehmen. Sofern ich die Papiere der Verfechter der AK-Modelle lesen, ist davon nicht die Rede. Wenn man auf der Basis der AK entkoppeln würde, dann würde der Anreiz einzustellen, wegfallen, die Probleme dieser Umverteilung würden bleiben. Auch so würde das AK-Modell keine weitere Fokussierung von Fördergelder auf agrarpolitische Ziele bringen.

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