Bittersüße Liebeslieder von Biermann

Es ist kurz gesagt die beste Platte, die Biermann je aufgenommen hat. Der biografische Hintergrund muss nach Auskunft von Biermann wohl ein ähnlich spannungsreicher gewesen sein, wie die Lieder dieser Platte. So beginnt es mit der euphorischen „Grünen Schwemme“, eine Lied, das bereits in den frühen 1960er Jahren entstand. Dann das fröhliche „Frühstück“ mit seiner damaligen Geliebten Tine. Der „Schwarze Pleitegeier“ als für die DDR politisch korrekter Spottgesang auf die Botschaft der BRD. Dahinter steckte jedoch auch die indirekte Botschaft, dass Biermann trotz aller Widrigkeiten die DDR nicht verlassen wollte. Die Stimmung schlägt um im „Einschlaf und Aufwachlied„.

Liebeslieder Wolf Biermann

Liebeslieder Wolf Biermann

Doch zum Punkt kommt sein gesamtes Werk in der „Bibelballade„, angeblich eines der Lieblingsliedern Heinrich Bölls. Nie war Biermann so zornig auf den Staat, der seine Bürger ausspionierte, nie war sein privates so politisch: Die Stasi hatte sich in Biermanns Beziehung eingemischt („Liebesverhältnisse, die bestehen, zerstören„, so die Stasi-Diktion) und die Liebenden auseinander gebracht. In dem Lied berichtet er davon. Musikalisch ist dieses Stück dem biblischen Sprachduktus angepasst, die ganze Rastlosigkeit des zweifach privat und politisch betrogenen springt über die Gitarrensaiten. Hier schleuderte Biermann die ganze moralisch Kraft von Wort und Gitarre dem Regime entgegen. Und in dieser Betrugssituation manifestiert sich das Verhältnis des Unrecht-Staates zu seinen unangepassten Bürgern.

Wie weitermachen nach einem solchen Lied? Die Lieder, die auf der Platte folgen, fallen nicht dagegen ab, sondern atmen wie die „Elbe bei Dresden“ und das „Steine-Lied“ die Intensität dieser zweifachen Enttäschung nach. „Kukuck Kuckuck“ ist große Kleinkunst. Und es gibt wenige Lied, die wie „Bin mager nun und fühle mich“ ein ausgebrannt-sein so auf den Punkt bringen. Der politische und private Kampf gegen den übermächtigen SED-Staat konnte für Biermann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gewonnen werden. Der angebliche „kulturpolitische Frühling“ unter Erich Honecker Anfang der 1970er Jahre hatte sich schnell als Farce entpuppt. Die DDR war immer noch derselbe repressive Staat vom 11. Plenum des ZK der SED vom Dezember 1965, der Schriftsteller wie Wolf Biermann das Schreiben und Singen verbot und den Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer nach 2 Wochen aus den Kinos verbannte. Der Schriftsteller Werner Bräunig wurde auf dem Plenum für seinen Roman Rummelplatz scharf kritisiert und in den folgenden Monaten wurde vom Neuen Deutschland (ND) und der Parteiorganisation FDJ eine Hetzkampagne gegen den Schriftsteller organisiert. Bräunig ging an diesem Konflikt zu Grunde, er konnte kein weiteres Werk beenden und starb 1976.

Biermann machte auch nach 1974 weiter und veröffentlichte 1976 seine „Spanien-Platte“ („Es gibt ein Leben vor dem Tod“). Doch man mag darüber spekulieren, ob Biermann bereits erkannt hatte, dass der Kampf gegen das SED-Regime für ihn nicht zu gewinnen war. Die Zeile

„Das ist mein graues Lied vom Rauch
und endlich stirbt die Sehnsucht auch“

am Ende der Platte lässt dies nicht nur für das Private vermuten. Und doch konnten sich Biermann und viele andere bekannte und unbekannte Oppositionelle 1989 gegen das DDR-Regime durchsetzen. Dass seine Ausbürgerung im November 1976 zu einem Brain-Drain führte und von vielen als der erste Schritt zum Zusammenbruch der DDR gesehen wird, ist von geradezu marxistischer Dialektik.

Und am Ende ist es doch einfach nur eine sehr sehr gute Platte, die man noch 36 Jahre später hören kann.

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