Deutschland ist Fussball-Europameister und Rotgrün gewinnt Bundestagswahl

Wenn es nur auf die Schüler ankäme, wäre Deutschland Spitze! Nachdem die U21 im Juni die EM in Schweden gewonnen hat, zeigen die Schüler völlig abweichende Parteipräferenzen und damit politische Selbständigkeit: Verschiedene Befragungen von Schülern bzw. von Unter-18-Jährigen zeigen, dass sowohl die Grünen als auch die Piratenpartei und die Tierschutzpartei bei den Schülern gut ankommen, während CDU und FDP schlecht abschneiden. Allerdings muss man natürlich einräumen, dass der Besuch bzw. die Ergebnisse solcher „Modellwahlen“ auf regionaler Ebene selektiv sein können. Insofern kann man die Göttinger Wahlen zunächst als Hinweis werten, dass es Abweichungen vom prognostizierten Wahl-Verhalten von Karl-Heinz Normalverbraucher gibt und das Prognose-Kartell von Infas, Forsa und Allensbach nach 2005 am Wochenende wahrscheinlich die nächste Schlappe einstecken wird.

Zur Sache: Am Samstag, den 19.09.2009 veranstaltete der Göttinger Stadtjugendring die Diskussion „Talk, Rock & Politics“. Während SPD, Linke und Grünen ihre Spitzekandidaten (Thomas Oppermann, Gerd Nier und Jürgen Trittin) hinschickten, durften bei CDU und FDP die jungen Talente ran (Vera Wucherpfennig und Konstantin Kuhle). Die Diskussion war deutlich lebendiger als die üblichen Fernseh-Talkshows, was sowohl an der engagierten Moderation, den kenntnisreichen und z.T. vorbereiteten Nachfragen der Schüler als auch an der abwechslungsreichen Debatte der Kandidaten auf dem Podium lag. Wichtigstes Thema war hierbei die Afghanistan-Politik und es verwundert wenig, dass Jürgen Trittin bei seinem Spezialthema (er ist aussenpolitischer Sprecher der Fraktion in Berlin) punkten konnte. Auch Oppermann wusste zu überzeugen, allerdings musste er den abnehmenden Anteil von zivilem Engagement erklären, was ihm nicht leicht viel. Auch CDU und FDP gaben sich staatstragend, wobei sich Wucherpfenning mit der Argumentation mitunter etwas schwer tat, während Kuhle wort- und kenntnisreich über die Position der FDP plauderte.

Interessant war schließlich der Auftritt von Gerd Nier von der Linkspartei: die Frage, wie sich ein von der Linkspartei geforderte sofortiger Abzug aus Afghanistan auf die Menschenrechtssituation auswirken würde, brachte ihn derart aus dem Konzept, dass er sich unter anderem zu der Aussage versteig, dass eine Burka nicht die schlimmste Menschenrechtsverletzung sei. Ansonsten war hier viel ideologisches zu hören, was nicht unbedingt auf eine differenzierte Betrachtung schließen lies. Und während man am Anfang der Diskussion eine gewisse Sympathie für die Linkspartei im Saal spürte, so wurden seine hilflosen Einwürfe am Ende teilweise mit Gelächter quittiert.

Interessant war die Testwahlen im Umfeld der Diskussion, die vor und nach der Diskussion stattfanden. Der Diskussionsverlauf spiegelt sich hier wieder:

Vor der Diskussion Nach der Diskussion
Bündnisgrüne 49,10 53,30
SPD 11,40 15,00
CDU 10,20 9,00
FDP 9,00 9,60
Linke 10,20 6,60
Sonstige 6,60 4,20
Nicht-Wähler 1,20 0,60

(Quelle: Daten aus Göttinger Tageblatt, 20.09.2009, Göttingens Jugend wählt grün, http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Goettingen/Uebersicht/Goettingens-Jugendliche-waehlen-gruen ):

Andere Wahlergebnisse in Göttingen, Niedersachsen und auf Bundesebene zeigen einen ähnlichen Trend: Schüler haben eine eigene Meinung und folgen eigenen Präferenzen:

Christoph Lichtenberg Gesamtschule (IGS) Göttingen Niedersachsen U18-Wahlen Bundeweite U-18 Wahlen
Bündnisgrüne 39,6 21,3 19,9
SPD 17,1 22,0 20,4
CDU 4,2 19,1 19,3
FDP 3,0 7,5 7,6
Linke 9,9 7,2 10,4
Piratenpartei 14,5 10,2 8,7
Tierschutzpartei 9,2 8,2 k.A.
Sonstige 2,6 4,5 13,7

Das Ergebnis an der IGS Göttingen darf hierbei getrost als Abfuhr an die Schulpolitik der CDU-FDP-Regierung in Niedersachsen gewertet werden. Die faktische Abschaffung der „Integrierten Gesamtschule“ und der „vollen Halbtagsschule“  durch das Wulffs Schulgesetz von diesem Jahr dürfte die Schüler kaum von CDU und FDP überzeugt haben, die Abfuhr darf getrost als verdiente Niederlage bezeichnet werden. Das Niedersächsische Schulgesetz ist ein Skandal, wenn die Schüler wählen dürften, würden die CDU-FDP-Landesregierung aus dem Parlament gewählt! Richtig so, die Schüler der IGS wissen genau, was sie tun.

Auf Bundesebene nahmen 125.000 Minderjährige teil, insofern dürfte auch das Ergebnis recht aussagekräftig sein. Hier spielt die Linkspartei eine wichtigere Rolle, gleichwohl weicht auch dieses Ergebnis von dem üblichen Muster ab und zeigt eigene Präferenzen der U-18. Eine weitere Erkenntnis: Die Piratenpartei hat offenbar ein für Schüler wichtiges Themenfeld besetzt.

Insgesamt zeigt die Diskussion von letztem Samstag, dass die Schüler einerseits an inhaltlichen und programmatischen Fragen interessiert waren und andererseits auch die Glaubwürdigkeit der Kandidaten bewerteten. Die Schüler wirkten dabei keineswegs frustriert und politikverdrossen, sondern sehr interessiert, lernfähig und wahlwillig, was auch im Hinblick auf die Wahlbeteiligung am Sonntag Mut macht.

Also, machen wir es genauso gut, gehen wir am Sonntag wählen!

================   Nachtrag  =================

Ministerpräsident Wulff hatte im Vorfeld verboten, dass die Diskussion des Stadtjugendringes in einer Göttinger Schule stattfinden darf. Man fragt sich, wo die „deutlich liberale Handschrift der FDP“ in der Landesregierung geblieben ist und warum sich Wulff sich vor politischen Diskussion der Schüler in Landesgebäuden so fürchtet.

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